Von Jan Molitor

Jedesmal, wenn sie heimkommen, erklären sie, daß dies das letztemal gewesen sei und daß sie nicht noch einmal „auf Kartoffelfahrt“ gehen würden. Die einen kommen mit leerem Rucksack heim; denn die mühsam erjagte, kläglich erbettelte Beute ist ihnen ohne viel Umschweife auf irgendeinem ländlichen Bahnhof schon wieder abgenommen worden. Die anderen haben mehr Glück gehabt. Sie haben je nach der Zahl ihrer Familienmitglieder Aussicht, sich acht Tage oder drei Mahlzeiten lang einigermaßen sattzuessen. Aber alle schwören, daß sie niemals wieder eine Kartoffelreise machen würden. „Sagen Sie selbst“, so bricht temperamentvoll ein Herr in mittleren Jahren aus, der über einem noblen, hellgrauen Sommerjacket einen halbgefüllten, äußerst schäbigen ausgedienten Luftwaffen-Rucksack trägt, „sagen Sie selbst: die fünfzehn Pfund, die ich mir habe zusammenschnorren können, bringen mir die Kalorienmenge gar nicht wieder ein, die ich bei sechs Stunden Eisenbahnfahrt und acht Stunden Fußmarsch verpulvert habe! Raten Sie mal, bei wieviel ,gebefreudigen‘ Bauern ich anklopfen mußte, um diese fünfzehn Pfund zusammenzubringen? Bei zwölfen! Da weiß man wirklich nicht, was größer ist: die Hartherzigkeit oder der Geiz!“

Dieser Herr ist unter den ersten im Strom der Fahrgäste, der im Hamburger Hauptbahnhof, am Bahnsteig 4, die Holztreppe hinaufquillt, abends gegen halb neun. Es ist die Ankunftzeit des Zuges aus Lüneburg, den die Eingeweihten den „Kartoffelzug“ nennen. Und während der Herr in Grau in der Richtung. der Sperre verschwindet, schwillt die Flut der heimkehrenden Kartoffel-Fahrenden an, die nun eine halbe Stunde hindurch wortlos demonstrieren, was es mit der Hartherzigkeit und dem Geiz der Bauern, auf sich hat...

Jene sind in der Mehrzahl, die irgend etwas auf dem Buckel tragen. oder an. der Hand; einen gefüllten oder halbgefüllten Rucksack, einen selbstgenähten Beutel aus Zeltbahnstoff, ein Einkaufsnetz oder wenigstens einen Pappkarton. Kartoffeln, Kartoffeln. Hat auch der einzelne nur wenige Kilogramm erobert, so sind es insgesamt doch riesige Kartoffelberge, die da auf mageren, gebeugten Rücken die Holztreppe hinaufwanken. Und die da mit Kartoffeln kommen, deren Gesichter sind müde, verstaubt, verschmutzt. Hier ein Schuljunge mit grauer Miene und mit Schatten unter den Augen. Dort eine Greisin, die alle drei Schritte stehenbleibt, um sich zu verpusten. Dann eine Dame, an deren elegantem Pelzmantel Heufäden kleben, weil sie auf der Kartoffelreise irgendwo in einer Scheune übernachten mußte; denn die Zimmer mit fließendem kaltem und warmem Wasser, falls es sie noch gibt, sind auch auf dem Lande mit Dauergästen belegt. Dann ein junges Mädchen, ein ausgehungertes, blutarmes Ding, das vorhin im Abteil zweimal ohnmächtig wurde. Und alle, alle, die mit Kartoffeln gehen, demonstrieren, daß der Herr in Grau Unrecht hat und die Bauern weder geizig noch hartherzig sind.

Fragt man die „Kartoffelleute“ indes nach den Erfahrungen ihrer Fahrt, so antworten sie nur knapp und mürrisch oder aggressiv und aufgebracht: „Niemals wieder!“ Aber in zwei oder drei Wochen werden sie wieder auf die Reise gehen. Denn eins ist stärker als die Scheu vor Strapazen und Enttäuschungen oder die Angst vor Bestrafung: der Hunger!

„Niemals wieder!“ So haben sie ja auch vor einigen Tagen schon geschworen, als die Rucksäcke bei der Rückkehr nach Hamburg fast sämtlich schlaff und leer waren, weil der Lüneburger Bahnhof, seit langem Hauptumschlageplatz für die Rückenfracht erbettelter Kartoffeln, noch enger als gewöhnlich von Polizei umstellt war. Da sah man im Strome müder, enttäuschter Menschen, denen die Frage, ob sie fünfzehn, zwanzig oder dreißig Pfund Kartoffeln mehr oder weniger im Kochtopf haben würden, angesichts der Not zu einer Kardinalfrage geworden war, da sah man also einige wenige Leute mit prallgefüllten Rucksäcken sich schüchtern im Gewühl verstecken, als müßten sie sich ihres Glückes schämen oder ihrer List, die selbst gegen den engsten Polizeikordon erfolgreich gewesen. Denn die Erfahrenen wissen, daß gemeinhin in Lüneburg nur durchkommt, wer nicht so aussieht, als trüge er Kartoffeln im Gepäck. Und solch ein Erfahrener war es, der neulich einem erfolglosen „Anfänger“ brüderlich riet, statt an einem so gefährlichen Punkt wie Lüneburg an einem der dörflich-unschuldigen Bahnhöfe irgendwo auf der Strecke in denn „Kartoffelzug“ zu steigen. Der Anfänger nahm diesen Rat so begierig zur Kenntnis, als hinge sein Leben davon ab. Ja, sein Leben! Oder glaubt jemand, daß die Kartoffelreisenden zum Vergnügen mit ihren Rucksäcken gingen?

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