Die Abstimmung über den Verfassungsvorschlag brachte in Frankreich eine Überraschung. Obwohl sich die beiden Linksparteien, die Kommunisten wie die Sozialisten, für die Verfassung eingesetzt hatten, die zusammen bei den letzen Wahlen die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu versammeln vermochten, stimmte diesmal das französische Volk gegen die Linksparole. Bedeutet das einen wirklichen Ruck nach rechts? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Entwicklung In Europa unter einem weiteten Gesichtspunkt betrachten.

Der Zusammenbruch des Nationalsozialismus schien ebenso einen Weg für eine breite Entwicklung nach links freizumachen wie im Jahre 1918 der Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschen Reiches. Aus den Ruinen, den Trümmern zerbombter Städte wie der seelischen Verzweiflung von Menschen, die alles verloren hatten, keimte neue Hoffnung; an die Stelle der sinnlosen Vernichtung würde aufbauende Arbeit tiefen, ohne Haß, ohne Leidenschaft. Wer sechs Jahre lang nur in der Lehre erzogen wurde, daß der Feind vernichtet werden müsse, um selbst leben zu können, der wollte jetzt glauben, daß die Herrschaft der rohen Gewalt endgültig beseitigt und das gütige, segensreiche Walten des Rechts angebrochen sei.

Viele Tatsachen schienen dieser Hoffnung eine feste Grundlage zu geben, nicht zuletzt die Satzung der Vereinten Nationen, die kurz vorher in San Franziska beschlossen und einstimmig gebilligt worden war. Sie baute auf dem Gedanken des Rechts auf, sie fußte auf den von Roosevelt verkündeten vier Freiheiten, die nicht eine politische Richtschnur, sondern das Bekenntnis zu einer Einstellung der handelnden Menschen darstellen, die größer, innerlich freier und edler nicht gedacht werden kann. Was verschlug es. wenn von ausländischen Staatsmännern ausdrücklich festgestellt wurde. daß die Grundsatze der Atlantik Charta nicht auf Deutschland Anwendung finden würden? Laßt sich eine Überzeugung, daß nur auf Recht und gegenseitiger Achtung sich ein wahrer Frieden aufbauen läßt, geographisch begrenzen?

Alle diese Forderungen, die sich in diesen Dokumenten widerspiegelten, sind Erbe des Liberalismus des vergangenen Jahehunderts. sind von den Sozialisten mit größter Entsagung vertreten worden, gelten als Kern jeder Linksbewegung. Gegen den Absolutismus des 13. Jahrhunderts erhob sich die Französische Revolution, gegen die Vergewaltigung des Einzelnen durch geheime Ministerverfügung oder königliche Haftbefehle. Der Sturm auf die Bastille, das alte Staatsgefängnis in Paris, leitete sinnfällig die Revolution ein, auf deren Banner die drei Worte standen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Zwei Männer verkündeten im ersten Weltkrieg den Aufbau einer schöneren Welt, in der an Stelle der Macht die Freiheit herrschen sollte, der Nordamerikaner Wilson und der Russe Lenin. Sie wurden damit die geistigen Führer von Bewegungen, die in ihren Mitteln und Methoden verschieden waren, jedoch beide getragen wurden von einer Sehnsucht der leidenden Menschheit, die grenzenlos war, von der Sehnsucht nach wahrem Frieden. So ging nach dem ersten Weltkrieg die Welle nach links.

Es wäre zu erwarten gewesen, daß nach dem zweiten Weltkriege die gleiche Entwicklung einsetzen würde, nur verstärkt. Waren die äußeren Verhältnisse einem Ruck nach links nicht wesentlich günstiger als vor 27 Jahren? Die Völker waren verarmt wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Die Schuld lag eindeutig auf einem Regime, das rechts gestanden und die Linksbewegungen mit äußerster Grausamkeit bekämpft hatte. Der Sieg der Roten Armee umgab den Bolschewismus mit einem Glanze, den auch seine innenpolitischen Gegner anerkennen mußten. So ist es auch in den ersten großen Wahlen zu einer Linksbewegung gekommen. In England errang die Labour Partei einen überwältigenden Wahlsieg. In Frankreich konnten die Kommunisten über ein Viertel der Wahlstimmen und zusammen mit den Sozialisten die Mehrheit der Sitze in der Nationalversammlung erobern. Inzwischen ist jedoch eine rückläufige Bewegung festzustellen.

Bei den Wahlen in Österreich haben die Christlich-Sozialen die Mehrheit errungen, die Kommunisten sind fast aufgerieben worden. In Belgien konnten die Katholiken mit großen Gewinnen aus den Wahlen hervorgehen. In Griechenland haben die Monarchisten gesiegt. Sind das Zufälle? Haben wir es mit bösartigem Wahlbetrug zu tun, wie etwa von den griechischen Wahlen behauptet wurde, ob-< wohl eine internationale Kommission bestätigt, daß die Stimmabgabe ordnungsgemäß und in voller Freiheit erfolgte? Wir sehen, wie selbst in Südamerika die Entwicklung zu Bewegungen hinneigt, die von manchen als undemokratisch angesprochen werden, weil sie den inneren Geist dieser Entwicklung nicht verstehen, etwa im Wahlsieg Gaspar Dutras in Brasilien und Perons in Argentinien. Die Gründe der Welle nach rechts liegen tiefer.