Von Frank Thieß

Mit ihm ist einer jener überlebensgroßen Menschen von uns gegangen, deren es vielleicht nur noch ein Dutzend seines Formats auf dem Erdball gibt, und die allem Anschein nach zum Aussterben verurteilt sind: die große elementare Persönlichkeit. Er war groß wegen der ihm mühelos zuströmenden genialen Einfälle, elementar in der vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber allen Gesetzen der Konvention und eine Persönlichkeit durch die Macht des ihn beherrschenden Dämons, den er freilich sein Leben lang nur mit Mühe zu bändigen wußte.

In der Geste des Vergeudens, im mühelos Verschwenderischen lag seine Größe. Durch anregende Partner (oder edlen Wein) in die rechte Stimmung gebracht, produzierte er in wenigen Stunden, was andere nicht in jahrelang erarbeiteten Büchern zustande brachten. Sein großartiger Kopf mit den ausgeprägt mongoloiden Zügen, seine herrischen, wegwerfenden Gebärden, sein gewaltiges Temperament erhielten dann etwas Mythisches, grandios Diktatorisches, Diabolisches. Mitten in seine Sätze schossen Dolche, und auf falsche oder dumme Antworten konnte er mit fassungsloser Grobheit reagieren. Einmal in einer Morgenstunde, nachdem längst alle Gäste in tödlicher Ermüdung das Weite gesucht hatten, nannte ich ihn eine Wiedergeburt Iwans des Schrecklichen im Reiche des Geistes. Er lachte sein etwas unheimliches Chinesenlachen und stimmte mir zu mit den Worten, daß jener Zar nur so grausam gewesen, weil die Menschen um ihn das Format von Mäusen und Ratten gehabt hätten. Das Bewußtsein seiner Überlegenheit riß ihn oft zu verächtlichen und boshaften Bemerkungen hin, die der Getroffene ihm nie vergaß. Er zuckte nur die Achseln; es war ihm von jeher gleichgültig, was die Mittelmäßigen über ihn dachten. Wo immer er sich Mühe gab, versagte er. Obwohl er eigentlich unaufhörlich arbeitete, erreichte er doch das Geringste durch Fleiß. Daher der ungleiche Wert seiner Bücher, in denen schlechthin geniale Kapitel neben flüchtigen zu finden sind, weltbefruchtende Ideen neben Banalitäten, tiefste Analysen neben grundfalschen Prophezeihungen.

Es ist nicht leicht gewesen, sein Freund zu sein. Wer es aber wurde, kam nie wieder von ihm los und war ergriffen von der Tiefe seiner Liebesfähigkeit, seiner Treue, seiner Wahrhaftigkeit. Freilich auch erschüttert über die Unbekümmertheit, mit der er nicht nur andere, sondern sich selber verletzte, erschüttert über die ungezähmte Wildheit dieses Weisen und den raubtierhaften Egoismus, mit dem sich eine geradezu unwahrscheinliche seelische Empfindlichkeit und Zartheit des Herzens verband, aber diese unverständliche Mischung von Güte und Zorn, Hilfsbereitschaft und Schärfe, von einzigartigem Verstehen und naiver Taktlosigkeit. Doch aus dieser kaum erträglichen Spannung unvereinbarer Elemente, die eine wahrhaft gewitterhafte Erscheinung entstehen ließ, entluden sich Blitze des Geistes, die ringsum die Welt in ein Licht tauchten, das eine geradezu kosmische Stärke ausstrahlte.

Seine Rücksichtslosigkeit gegen andere, die ihm in allen Teilen der Welt unversöhnliche Feinde bescherte, bedeutete nichts mit der verglichen, die er sich selbst gegenüber übte; denn indem er von sich zu jeder Stunde das Höchste forderte und seine gewaltige Natur schonungslos in den Dienst seines Werkes stellte, verbrauchte er die mächtige Substanz auf eine Weise, die einen gewöhnlichen Menschen bereits mit dreißig Jahren ins Irrenhaus oder ins Grab gebracht haben würde. Er konnte die Nächte hindurch trinken, doch ebenso auf eine Art arbeiten, für die es im Hinblick auf die erzielte Leistung kein Beispiel gab. In Barcelona hielt er während einer Tagung fünfzehn Vorträge in spanischer Sprache, jeden einzelnen improvisierte er, da ihm das Thema erst zu Beginn des Abends gegeben wurde, und wie man mir versicherte, soll jeder, eine rhetorische und philosophische Glanzleistung gewesen sein. Danach pflegte er bis in den Morgen in leidenschaftlichem Gespräch mit den Teilnehmern der Tagung zu disputieren, bei Sonnenaufgang ging er ans Meer baden, schlief wenige Stunden und war den ganzen Tag über wieder für jeden, der ihn aufsuchte, mit phrasenloser Hingabe zu sprechen und nahm jeden Fall, der ihm vorgetragen wurde, mit demErnst und Verantwortungsgefühl eines großen Arztes auf. Er verschwendete sich restlos, bedingungslos, ohne Bedenken und ohne Sparsamkeit (wie ihn denn auch keine Eigenschaft so anwiderte wie Geiz). Er war ein großer Nehmer, doch was er gegeben hat, ist unvergleichlich gewesen, und sooft man ihn durch Mißverstehen und üble Nachrede schmerzlich enttäuschte, seine Geierosität blieb ungebrochen. Er war der letzte echte Grandseigneur aus der Welt baltischen Herrentuns.

Als Landsmann ist er mir, im Gegensatz zu vielen, die von seiner Heftigkeit und seinem übertreibungssüchtigen Temperament erschreckt, ja, abgestoßen wurden, stets tief verständlich geblieben. Diese Menschenrasse bedarf im Guten wie im Bösen eines anderen Maßstabes als alle übrigen Europäer. Nur bei Russen und Südamerikanern mag man ähnlichen ins Gewaltige und Gewaltsame ausschweifenden Persönlichkeiten begegnen; sie stammen aus der nun vernichteten Renaissancekultur der großen Herrensitze, und ihr Wesen ist umwittert von der Weite und Freiheit einsamer Wälder und funkelnder Nächte. So war auch an Keyserling alles, raumergreifend, imperial, raubtierhaft, trotz seiner eminenten Geistigkeit und seines beißenden Witzes, mit dem er scharenweise Leute verletzte, denen er selbstredend nie etwas Arges hatte antun wollen. In einem Lande wie Deutschland, darin Tüchtigkeit, Sachlichkeit und Bienenfleiß als primäre Tugenden gerühmt werden, mußte ein Mensch von diesem schrankenlosen Subjektivismus, dieser ungebändigten Kraft und elementaren Lebensfreude wie ein gefährliches Wesen von einem anderen Stern wirken und auf Ablehnung, Mißgunst und Feindschaft stoßen. Nur innerhalb einer geistigen Elite erkannte man das Unvergleichliche dieser vulkanischen Natur und die kontinentale Weite seines Menschentums. Seine zahlreichen Mängel und Wunderlichkeiten, seine kindlichen Schwächen, seine Eitelkeiten wurden fortgeschwemmt von der nilgleichen Fruchtbarkeit eines jupiterhaften Geistes, der sich zu einem Seelentum von ungewöhnlicher Tiefe polarisierte und nur wegen dieses Seelentums so starke Wirkungen hervorrufen konnte.

In Südamerika, dem er seine wunderbaren Südamerikanischen Meditationen“ widmete, hat er vielleicht die nachhaltigsten Spuren hinterlassen, mit seinem „Spektrum Europas“ dem Abendlande die glänzendsten Analysen der-europäischen Völker geschenkt, mit seinem „Buch vom persönlichen Leben“ und anderen Werken in französischer Sprache sich in Frankreich Hunderttausende dankbarer Anhänger gewonnen, mit „Amerika“ sich ebensoviel Feinde wie Bewunderer im neuen Erdteil geschaffen und mit dem „Reisetagebuch eines Philosophen“ in allen Kontinenten seinen Namen berühmt gemacht. Seine Selbstbiographie, „Reise durch die Zeit“ mußte im Dritten Reich, wo man ihn ehrlich haßte, ungedruckt bleiben, doch diese Meisterschöpfung der Porträtkunst wird ebenso wie das letzte mir unbekannte Werk aus seiner Feder, „Das Buch vom Ursprung“, der Welt zeigen, wer dieser Mann war, dessen unzulängliche Erscheinung nun in die Ewigkeit eingegangen ist: ein Deutscher von Weltformat, ein Mann von ungeheurem Wissen und unerschöpflichem Ideenreichtum, ein unversöhnlicher. Hasser alles Mittelmäßigen und Gemeinen, ein Wesen voller Widersprüche, ein Weiser ohne Weisheit, ein Mensch – „nehmt alles nur in allem, wir werden nimmer seinesgleichen sehn“.