Von Annalise Schmidt

Marburg, im Mai

Die Marburger Ecke ist verschlossenes Binnenland, auch wenn wieder D-Züge von Paris über Frankfurt, Kassel, Berlin nach Moskau gehen. Binnenland mit Bäumen, alten, hohen Bäumen von einer Heiligkeit, wie die Griechen sie den sprachbegabten Eichen von Dodona zusprachen, eine Landschaft, in der sich die Bevölkerung ungemischter durch die Jahrhunderte erhalten hat als in den meisten andern deutschen Landschaften. Die Bauern haben oft Gesichter, eigenartig schön, wie die des Adels, nur scharf gezeichnet von harter Arbeit die keinem echten Bauern erspart bleibt, und von tiefem, heimlichem Hochmut auf ihre Familien und ihre Höfe, auf denen sie seit Generationen sitzen. Sie sind kein Triebsand, hin und her schwemmbar durch Propaganda. Die Gemeindewahlen haben es bewiesen, die, wenn auch ohne große allgemeine Bedeutung, bestätigten, daß ein konservativer demokratisch-christlicher Schlag auf diesem Lande immer noch sitzt, in diesen Dörfern, wo es uns geschehen ist, daß wir, als Vorbeiwandernde am Sonntagsgottesdienst teilnehmend, von den Gemeindemitgliedern, den Bauern zum Mittagessen eingeladen wurden, nicht aus Neugierde, sondern aus Freude an unserer Gemeinschaft. Es ist ein eher kalvinistisches als lutherisches, trockenes, konservatives, vernünftiges und das Seine sehr zusammenhaltendes Bauerntum, das auf diesem alten chattischen Lande lebt. Ideologien haben über sie keine Gewalt, den realen Sinn des Lebens halten sie fest. Die Dorfkinder gewiß rufen dem Vorbeigehenden zu: „How do you do?“ und grinsen vergnügt, aber die jungen Landmädchen sind von gelassener, ganz unzerstörter Mädchenhaftigkeit trotz einstiger Studenten und jetziger amerikanischer Soldaten.

Marburg „liegt reizend in dem von bewaldeten Sandsteinbergen umgürteten Tal der hier in mehrere Arme geteilten Lahn“, sagt der Baedeker von 1922. Das Erstaunliche ist, daß das immer noch der Fall ist. An unzerstörter Erhaltung und schöner Geschlossenheit des Kerns hat Marburg jetzt nach den Zerstörungen dieses Krieges nicht mehr viele Konkurrentinnen unter den deutschen Städten. Die enggedrängte Schar seiner Häuser mit ihren wunderlichen Giebeln, Dächern, Toreingängen und Fenstern, ihren schmalen, zur stellenweise erhaltenen Stadtmauer abstürzenden Laufgassen; seine wenigen großen Bauten im Gewirr der Bürgerhäuser, die, in drei Stockwerken, die Südnordecke des Hügels einnehmen, das Schloß, das Rathaus, die Universitätskirche sie sind alle erhalten, und nur im häßlichen Südwohnviertel haben Bomben einiges vernichtet und im Nordviertel der Kliniken. Noch immer umweht uns zwischen den alten Hausgiebeln ein Zauber. Man braucht, zumal gegen Abend, nur kurze Zeit in dem oberen Gäßchengewirr ruhig stehen zu bleiben, um sich in Hoffmanns Erzählungen versetzt zu wähnen. Schwer wird es, zu glauben, das Telephon habe seinen Weg in diese Romantik, gefunden. Als wir, aus den Vereinigten Staaten nach Hause kommend, auf dem Wege nach Berlin, zum erstenmal Marburg erblickten, entschlossen wir uns schnell und stiegen aus, entzückt über das Stadtbild, und überließen uns für Wochen dem Zauber seiner Romantik nach der nüchternen Weite und Geistleere des jungen Landes jenseits des Ozeans.

Wie wir damals empfanden, so geht es manchem der jetzt in Marburg in Garnison liegenden jungen amerikanischen Soldaten. Manch einen sehen wir allein für sich die Stadt erkunden oder auf dem Hügel über der Stadt sitzen und versonnen. ins Land schauen, in dieses schöne Deutschland. Das sind die Stilleren, Edleren, die sichere Freunde Deutschlands und Europas werden. Was würden sie erst über das Marburg, wie es vor ihrem Einzug war, empfunden haben, als die Eichhörnchen ungestört auf den Straßenbäumen umhersprangen, die jetzt durch den lauten Verkehr der starkmotorigen amerikanischen Wagen vertrieben worden sind, ebenso wie die Käuzchen nicht mehr so viel nachts schreien, da manch ein Baum diesen Winter als Brennholz hat dienen müssen, der ihnen bis dahin nächtlicher Aufenthalt gewesen war. Daß es aber auch andere, weniger vom Zauber Marburgs Angerührte gibt, davon werden wir täglich durch Ohren und Augen überzeugt, wenn wir die Jazzmusik hören, die von Grammophonen heruntergeschabt wird, oder wenn wir die jungen Boys in Gruppen durch die Straßen ziehen sehen, um der Völkerverständigung auf die ihnen gemäße Weise zu dienen: durch den mit Enthusiasmus betriebenen Venusdienst.

Marburg ist die seit über 400 Jahren berühmte Universitätsstadt Hessens und seit fast einem Jahr das beabsichtigte geistige Zentrum der amerikanisch besetzten Zone. Fragen wir uns aber nach dem geistigen Zentrum dieser Stadt, so geraten wir in Verlegenheit. Ist es die seit kurzem eröffnete Universität? War es die Kunstausstellung, die mit amerikanischer Hilfe dreißig Meisterwerke, zum größeren Teil französische Bilder des 18. Jahrhunderts, zeigte, und der eine zweite Ausstellung französischer Impressionisten demnächst folgen soll? Oder sind es die Bestrebungen der Kirche, die Maria durch Vorträge und Musik, Martha durch Dienst an den zahllosen Flüchtlingen zufriedenstellen will?

Als treuliche Berichterstatter müssen wir der Wahrheit gemäß sagen, daß wir in der geistigen Atmosphäre Marburgs bisher keinen Mittelpunkt haben erspüren können. Es ist wohl alles noch zu sehr in der Klärung begriffen, im Werden und Versuchen, auch durch tausend Schwierigkeiten behindert.