Unzählige Männer kehren als Kriegsbeschädigte in die Heimat zurück und wollen nun den Weg ins Berufsleben zurückfinden. Dabei liegt der größte Teil der deutschen Industrie vernichtet danieder, ihre Anlagen sind so zerstört, daß es noch Jahre bedarf, bis überall wieder voll geerbeitet werden kann, soweit es eben der „Industrieplan“ gestattet. Angesichts dieser niederschmetternden Lage erscheint es fast aussichtslos, den Kriegsbeschädigten einen angemessenen Arbeitsplatz im Berufsleben zu sichern. Und doch haben wir wohl gerade nach diesem verlorenen Krieg die Pflicht, dieses Problem als eines der wichtigsten und dringendsten anzusehen und all denen zu helfen, die ihr Bestes, nämlich ihre Gesundheit, geopfert haben.

Für die Eingliederung dürfte die deutsche Metallindustrie in ganz besonderem Maße in Frage kommen, denn die größte Zahl der Arbeitsgänge sind körperlich als leichte Arbeiten anzusprechen, die auch von Körperbehinderten ohne weiteres ausgeführt werden können. Auf allen Gebieten der Technik liegt aus den Erfahrungen der Jahre nach 1918 so vielseitiges Material vor, daß die besonderen Fälle gemeistert werden können. Einen wertvollen Beitrag stellt das Werk des Verbandes der Eisen- und Stahlberufsgenossenschaft „Die Beschäftigung von Schwerbeschädigten in der Eisen- und Metallindustrie“ dar, das an 360 Beispielen eine Fülle von Anregungen gibt und die verschiedensten Ansatzmöglichkeiten zeigt. In sehr vielen Fällen hat die Industrie schon vor geraumer Zeit, nicht zuletzt in Ausführung des Kriegsversehrtengesetzes von 1923, das die Einstellung von Kriegsbeschädigten zur Pflicht macht und auch heute noch in Kraft ist, in ihren Ausbildungswerkstätten mit der Umschulung von Kriegsbeschädigten begonnen, und die Erfahrungen haben gezeigt, daß mit sogenannten Schnellkursen keine wirkliche Berufsbasis gefunden werden kann. Diese ist aber notwendig, als es sich nicht nur um eine Unterbringung handeln darf, sondern vielmehr um eine Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß mit einem bleibenden Nutzen.

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die technischen Probleme für die Wiedereingliederung der Kriegsbeschädigten eine geringere Bedeutung haben als die psychologischen Momente, denen kaum genug Beachtung geschenkt werden kann. Betrachten wir die Fälle der Wiedereingliederung, die auftreten können, so müssen wir die Wiedereingliederung, die Umschulung und die Neueingliederung unterscheiden.

Die Wiedereingliederung stellt die einfachste Lösung dar, da der Kriegsbeschädigte in diesem Falle in seinem alten Beruf weiterarbeiten kann und somit in der Lage ist, seine früheren Berufskenntnisse voll zu verwerten,

Schwieriger ist die Wiedereingliederung durch Umschulung. Auch hier ist es von entscheidender Bedeutung, auf die vorhandenen Berufskenntnisse Rücksicht zu nehmen und hiernach einen möglichst artverwandten Beruf für die Umschulung zu suchen.

Die Neueingliederung kommt in ganz besonderem Maße in Frage, denn es darf nicht übersehen werden, daß der größte Teil der jüngeren Kriegsbeschädigten mit der beruflichen Ausbildung noch nicht fertig war, als sie eingezogen wurden.

Bei der Eingliederung selbst, ergeben sich eine Reihe von psychologischen Momenten, die einer sehr feinfühligen Behandlung bedürfen. Man muß sich einmal vor Augen halten, daß der Kriegsbeschädigte in jedem Falle arbeitsbejahend ist. Trotzdem ist es für ihn nicht leicht, den Weg in das Berufsleben und den Anschluß an die Arbeitskameraden zu finden. Nach Wiederaufnahme der Tätigkeit hat er verschiedene Abschnitte zu bestehen. Zuerst ist es das Mitleid der Arbeitskameraden, dann folgt die Neugierde. Hiernach tritt die Gewöhnung zutage. Hier liegt die Hauptaufgabe, mit der sich der Betriebsingenieur neben den rein technischen Fragen der Wiedereingliederung zu befassen hat. Er muß sich also seine Arbeiter genau ansehen und feststellen, wer charakterlich geeignet ist, mit einem Kriegsbeschädigten zusammenzuarbeiten, denn Taktlosigkeit ist für den Kriegsbeschädigten das schlimmste, was ihm widerfahren kann. Ferner muß er einen geeigneten Platz ausfindig machen, an dem sich der Versehrte ungeniert einarbeiten kann. Dabei wäre es grundfalsch, ihm einen Platz zu geben, der in irgendeiner wenig gebrauchten Ecke oder gar in einem düsteren Winkel liegt, denn dies würde wiederum den Stolz des Beschädigten verletzen. In seiner Arbeit soll man den Kriegsbeschädigten genau wie jeden andern behandeln, nämlich gerecht. Der Kriegsbeschädigte hat ja die Pflichterfüllung bis zum letzten erwiesen und wird sie daher auch im Berufsleben genau so zeigen, wenn er erkennt, daß er. als vollwertige Arbeitskraft behandelt und ihm eine Aufstiegsmöglichkeit gegeben wird.

Ing. H. Eberhard