Von Ernst Samhaber

Vor zehn Jahren, am 8. Mai 1936, starb Oswald Spengler. Heute, da über uns ein Weltuntergang hereingebrochen ist, der unsere Städte zerklagen, unser Hab und Gut vernichtet, die Zukunft mit Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit verhängt hat und die abendländische Kultur in ihren Grundfesten zu erschüttern droht, steht uns der Philosoph des „Untergangs des Abendlandes“ näher denn je zuvor. Fast möchte es scheinen, daß wir ihn heute eher zu verstehen bereit sind als noch vor einem Jahre, da manche unter uns sich der eitlen Erwartung hingaben, ein neues, schöneres Zeitalter sei mit dem Siege der Vernunft und der Demokratie angebrochen, in dem wir sofort als gleichberechtigte Glieder der großen erdumspannenden Völkergemeinschaft aufgenommen würden.

Heute befinden wir uns in einer ähnlichen verzweifelten Stimmung wie 1919, als das Werk des Münchener Mathematiklehrers seinen Siegeslauf durch Deutschland und dann durch ganz Europa antrat. Wieder herrscht die Auffassung vor, daß Europa aus eigener Schuld sein großes geschichtliches Erbe vertan und verspielt hat, daß seine Zeit vorüber ist. Die gewaltige Überzeugungskraft des Buches von Spengler beruhte darauf, daß es Gedanken, die in aller Herzen lebendig waren, mit einem Ernst, einer Tatsachenfülle und einem Gedankenreichtum belegte, die dem Durchschnittsleser wie eine Offenbarung der letzten Hintergründe der Geschichte überhaupt erschienen.

Mit zwei Mitteln arbeitete Spengler: mit dem Versuch einer Kulturphilosophie, die das Wesen der politischen und geschichtlichen Erscheinungen aus sich heraus zu gestalten suchte, und mit Vergleichen, die über die Erde hinweg und in alle Vergangenheit hineinreichten. Von beiden Seiten her erhielt er entsprechend scharfen Widerspruch, von der Philosophie und von der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Sein Einfluß und seine Beliebtheit konnten damit nicht gemindert werden. Mochten seine Gedankengänge nicht immer einwandfrei sein, mochten die von ihm herangezogenen Vergleiche häufig schief liegen und hinken, wenn nicht gar den geschichtlichen Tatsachen offen widersprechen – wer selbst den Untergang des Abendlandes sichtbar vor Augen hatte, der ließ sich durch derartige Kleinigkeiten nicht in seinem Urteil beeinflussen.

Solange die Nationalsozialisten mit ähnlicher, Weltuntergangsstimmung arbeiteten, um ihre düsteren Pläne zu verwirklichen, bedienten sie sich gern des Münchener Philosophen, ganz besonders weil seine ablehnende Haltung zu jeder Vermassung von ihnen als Angriff auf die Demokratie gewertet wurde. Als sie selbst die Macht übernahmen und nun das Tausendjährige Reich begründet zu haben glaubten, rückten sie von Spengler ab, lehnten seine Gedanken ab und unterdrückten sogar seine Schriften. Der Denker der vom „kommenden Cäsar“ gesprochen und den zweiten Weltkrieg prophezeit hatte, wurde ihnen gefährlich, als er klar aussprach, daß er Hitler in dieser Rolle als Versager ansah. Es kam zum offenen Bruch über die Schrift „Jahre der Entscheidung“.

Ist aber nicht vieles eingetreten, was der Philosoph vorausgesagt: der zweite Weltkrieg, die Zerstörung Europas, der Niedergang der abendländischen Kultur, der Aufstieg Rußlands und die Machtausweitung der Vereinigten Staaten? Wir werden gewiß manches anders auslegen müssen, wir werden etwa den angekündigten Wandel der russischen Staatsform in der stärkeren Betonung des Nationalismus sehen oder auch Irrtümer einräumen wie die Überschätzung der Zukunft Japans. Es bleibt der unbestechliche Blick, mit dem Spengler die Zeichen des Niederganges erkannt und gedeutet hat. Fast scheint es selbst heute noch, daß es entscheidend darauf ankommt, ob wir den Untergang des Abendlandes als unvermeidlich anerkennen, oder ob wir hoffnungsvoll in die Zukunft sehen, um für oder wider Spengler Stellung nehmen zu müssen.

So gesehen, wäre sein Werk nur Ausdruck einer geistigen Grundhaltung, wobei die einzelnen Gründe und Beweisstücke an Wert zurücktreten. So aufgefaßt, ist eine strenge Untersuchung der Spenglerschen Gedanken überflüssig. Aber in einem Augenblick, da selbst den Mutigsten unter uns der Gedanke an die Zukunft unseres Volkes den Schlaf zu rauben imstande ist, dürfen wir Gedankengänge wie die des „Untergangs“ nicht durchgehen lassen, ohne sie auf ihren wahren Beispielswert geprüft zu haben. Worauf beruht Spenglers Auffassung, daß das Abendland zum Untergang bestimmt sei?