Vor etwas mehr als einem Jahr übernahm Brigadier Armytage die Leitung der Militärregierung in Hamburg. Er kam mit einem siegreichen Heer in eine verwüstete Stadt, um Ordnung im Chaos aufzurichten. An den Straßen klebten noch die Anschläge, die zum Widerstand bis zur äußersten Leistungsfähigkeit aufforderten. Die Bevölkerung war während der letzten Monate dahin bearbeitet worden, selbst den Kampf im dunkeln, mit heimtückischen, verräterischen Mitteln fortzusetzen. Ernährung und Beschäftigung der Einwohner waren durch die Lahmlegung des Verkehrs bedenklich gefährdet. Die durch den Krieg aufgerührten Leidenschaften verhinderten zunächst eine Fühlungnahme zwischen Bevölkerung und Besatzung. Dennoch gelang es Brigadier Armytage eine Ordnung aufzurichten, deren wahren Segen wir erst zu schätzen lernten, als wir später erfuhren, was sich in jenen grauenvollen Wochen und Monaten in andern Besatzungszonen abgespielt hat. Nach Verhältnismäßig kurzer Zeit begann das Leben in Hamburg wieder normale Formen anzunehmen. Und dennoch sollte die schwerste Aufgabe noch bevorstehen.

Der Krieg hatte mehr zerstört als die Häuser und Brücken. Die Ernte auf den Feldern war unzureichend bestellt. Es fehlte der Dünger, es fehltendie Maschinen und es fehlten insbesondere die Männer, die vielfach noch in letzter Minute weggeholt worden waren. Die ausländischen Arbeitskräfte jedoch wurden frei und schieden aus dem Arbeitsprozeß aus. Wir spürten die Folgen dieser Zustände erst, als der kalte, dunkle Winter kam, der Winter ohne Kohlen, ohne Licht, mit einer Ernährung, die zufolge der schlechten Ernte und des eisernen Vorhangs im Osten, der Hamburg von seinen natürlichen Zuliefergebieten absperrte, immer unzureichender wurde.

Gegen den Ansturm der Gewalten des Chaos hatte es der Strenge des Soldaten bedurft, die bis zur Härte gehen durfte, wenn sie mit unbestechlicher Gerechtigkeit gepaart war. Gegen das langsame Absinken in Mutlosigkeit und Verzweiflung konnte nur die seelische Größe des Menschen helfen. In Monaten hatte Brigadier Armytage sich bemüht, eine Brücke des Verständnisses zwischen den beiden Völkern zu schlagen, aber seit Beginn des Winters, wie er selbst bei einer Gelegenheit sagte, von Ende November, Anfang Januar an drohte der Pfeiler auf deutscher Seite in Zweifeln und Vorwürfen zu versinken.

Als deutsche Stellen, in klarer Erkenntnis der Folgen der Verheerungen durch den Krieg, bereits im vergangenen Jahr eine Herabsetzung der Lebensmittelzuteilungen als unvermeidlich bezeichneten, haben die britischen Besatzungsbehörden versucht, die 1500 Kalorien durchzuhalten, obwohl sie wußten, daß die Hälfte davon aus dem Ausland kommen müsse. Nun aber kam eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Überall in der Welt streckten sich Hände aus und verlangten, vor Deutschland in der eigenen Not berücksichtigt zu werden, und die Statistiker errechneten einen Fehlbedarf an Getreide für die ganze Welt, der uns erstarren ließ. In diesem Augenblick nicht irre geworden zu sein, allen Verdächtigungen und Anzweiflungen zum Trotz nie die klare Linie verlassen zu haben, den Pfeiler der Brücke des Verständnisses im eigenen Herzen niemals untergehen zu lassen, das hat dem Brigadier Armytage als wahren Vertreter Alt-Englands seinen Namen inder Hamburger Geschichte gesichert. Bittere Wochen liegen vor uns, über die wir nur hinweg kommen, wenn die Zusammenarbeit zwischen deutschen und britischen Stellen weiterhin gesichert bleibt. Dafür bürgt seine Persönlichkeit.

Vor der zerbombten Kirche Sankt Michaelis zu Hamburg steht noch das Denkmal des Heiligen. Unter ihm greift Satanas nach der Jugend. Die Eltern werfen sich dazwischen, suchen mit ihren Körpern die Kinder zu decken, aber die Krallen des Teufels würden sie ihnen entreißen, wenn nicht der Heilige ihn mit der Lanze durchbohrte. An dieses Bild erinnerte der Bischof von Hamburg bei der Einweihung des Hauses St. Michael in Blankenese, das der christlichen Jugenderziehung gewidmet ist. und stellte es als Sinnbild hin. Dieses Haus ist mehr als ein Versuch, es bedeutet den Ausdruck eines festen Willens, dem Bösen in unseren Herzen zu begegnen. Eine innere Wandlung tut not erklärte bei dieser Gelegenheit Brigadier Armytage. Eine Wandlung? Zunächst möchte es so scheinen, als ob wir zu unserem eigenen Wesen zurückfinden müßten, nicht die Fahne nach dem Winde des Augenblicks hängen sollten, aus dem Kern unseres Seins heraus die Kraft zum geistigen Wiederaufbau schaffen müßten. Das Problem liegt jedoch tiefer.

Heinrich von Kleist hat in seiner Erzählung „Michael Kohlhaas“ die Gestalt gezeichnet, die einen der schwersten deutschen Fehler enthält, aus eingebildetem eigenem Recht größeres Unrecht zu schaffen. Wie bitter haben wir nach Versailles alles empfunden, was wir als Unrecht ansahen, aber kaum hatten wir die Wehrfreiheit, da schufen wir ein Heer, das bis nach Norwegen und Griechenland zog, Länder, die sicher mit Versailles nichts gemein hatten. Wir sprachen vom Unrecht, das dem Besiegten auferlegt wurde und steigerten uns in eine Ablehnung, ja in eine Gegnerschaft zu unseren Nachbarn hinein, die bis zum alles vernichtenden Krieg führte. Woran liegt das?

Uns fehlte der Maßstab, der jenseits kleiner eigensüchtiger Betrachtung Recht und Unrecht scheidet. In unseren Herzen stand nicht, daß Unrecht tun schlimmer ist, als Unecht leiden, und wir erschöpften uns in maßlosem Ausbruch, der uns wiederum nur tiefer in Not und Elend verstrickte, ebenso wie Michael Kohlhaas untergehen mußte.

Wir brauchen den Blick für ewige, unabänderliche Werte, denn nur auf ihnen allein baut die Zusammenarbeit der Völker, das gegenseitige Verständnis und damit die Hoffnung auf den Frieden auf. Das Christentum bildet heute den Weg, in die Einsicht dieser ewigen Werte einzudringen, uns das innere Maß aufzuzeigen, ohne das wir künftig keinen Platz in der Gemeinschaft der Völker finden werden. Das ist die innere Wandlung, deren wir dringend bedürfen. Das Haus St. Michael in Blankenese, das zugleich eine Brücke des Verständnisses zwischen dem deutschen und dem englischen Volk sein soll, ist ein beglückender Beginn.