/ Ein englischer Film

Der Krieg ist noch nicht lange genug vorüber, als daß wir einen Film mit ihm als Hintergrund mit ungeteilten Empfindungen ertragen könnten. Das deutsche Volk, das gerade dabei ist, seine Erinnerungen an den Krieg und alle militärischen Gefühle zu begraben, erträgt es schlecht, auch noch im Kino durch am Filmhimmel vorüberziehende Bombengeschwader an jene Tage erinnert zu werden, die am Ende den Krieg gegen Deutschland entschieden. Deshalb zuckt der Zuschauer vor dem englischen Film „Cornwall Rhapsodie“ (in Hamburg) schmerzlich zusammen (nicht nur deshalb, wie sich noch herausstellen wird); wenngleich ihm mit diesem Blick auf die „andere Seite“ demonstriert wird, daß auch drüben während der Auseinandersetzung mit dem Gegner jenseits aller Problematik und persönlicher Wünsche die soldatische Pflichterfüllung für das Vaterland vor dem Gewissen des einzelnen als gültiges Gesetz steht, was dem jungen ehemaligen Soldaten hier im deutschen Kino Erlösung aus Gewissensnöten um Schuld und Reue bedeuten könnte.

Bemerkenswert ist, daß in diesem Film wie in dem Kriegsroman „This above all“ von Knight, der in England kurz nach Dünkirchen spielt, der Betrachter mit einer Figur bekanntgemacht wird, die zunächst die peinliche, zweifelhafte Atmosphäre eines feigen Drückebergers umwittert, um daraus um so strahlender den Helden heraustreten zu lassen. Hier, so will es das Drehbuch (nach einer Novelle von J. W. Drawbell), ein junger abgeschossener Flieger, der an der romantischen Felsenküste Cornwalls letzte Tage der Lebensfreude genießt (und heimlich Blindenschrift übt, weil ein Granatsplitter ihm nach Ansicht der Ärzte in wenigen Monaten das Augenlicht rauben wird). Damit der Film weiter stattfinden kann, trifft er dort zwischen den einsamenKlippen eine ebenso lebensfreudige Pianistin, die nach Ansicht der Ärzte wegen eines Herzleidens auch nur noch wenige Montate zu leben hat und die kurze Zeit genießen will. Herrliche Landschaft, lockende See, gleißende Sonne, Großaufnahmen im Postkartenstil. Der bittersüße Lebensgenuß auf tragischem Hintergrund könnte ausgekostet werden, wenn die Menschen die Wahrheit mehr liebten, wenn nicht ein anderes hübsch und harmlos aussehendes, aber intrigantes Mädchen mitspielte, und der junge Held in einem Stollen der romantischen Felsen nicht das von der Kriegsindustrie so begehrte Molybdän fände.

Bei der Förderung dieses Metalles nun kommt es zu einer Grubenkatastrophe und damit zu den stärksten Szenen des Films, die in der Ausleuchtung der Kameradschaft in der Todesnot unter Tage an den in Deutschland unvergessenen englischen Spitzenfilm „Bengali“, das Hohelied der Kameradschaft, erinnert, Szenen der natürlichen Ritterlichkeit, packend in der der englischen Sprache eigentümlichen zurückhaltenden Dialogführung, die das Mehr-sein-als-Scheinen in jedem Wort spürbar macht.

Auch dieser Musikfilm leidet wie viele andere seiner Art an einem fehlenden sachlichen Standpunkt. Musik allein als schwelgerischer, sentimentaler Ausdruck von Gefühlen Es erscheint unglaubwürdig, daß eine Pianistin auf dieser Basis zu höchstem Ruhm gelangen kann, auch in England. Möwengeschrei und Brandungswellen ergeben die „Cornish Rhapsody“. Ein Klavierkonzert am Strand mit Meeresrauschen als Begleitmusik scheint ein besonderer Kunstgenuß! Es ist immer zu befürchten, daß ein Blick hinter die Kulissen desillusioniert, aber auch eine todkranke Pianistin, die soeben unter der Nachricht fast zusammenbrach, daß ihr durch eine glückliche Operation geheilter Freund sie vergessen zu haben scheint, wird, wenn sie zu dem größten Konzert ihres Lebens in die festliche Albert-Hall tritt, ihr persönliches Leid für Augenblicke vergessen müssen, nicht wie ihr Impresario ihr zuruft: „Alles Gefühl in das Spiel legen.“ Hier wird der wahre Künstler allein der Kunst dienen und nicht, wie der Film in Großaufnahmen eines schönen, aber unkonzentrierten Gesichts demonstriert, sich selbst spielen. Das ist zu billig. Das Happy-End mit der Devise „Morgen können wir tot sein, also laßt uns das Leben genießen“, ist aus dem Krieg geboren und stempelt den Film antiquarisch.

Auf die Frage des Betrachters: „Warum rührt mich dieser Kitsch?“ wurde ihm die schnelle Antwort: „Kitsch rührt immer.“ Noch auf den hellerleuchteten Treppen zerdrückte ein Teil des Publikums heimliche Tränen.

Erika Müller