Die seidenhaarige und schlappohrige, die drahthaarige und spitzschnäuzige, die krummbeinige und schweifwedelnde Aristokratie hat sich in Hamburg getroffen. Und im Programmheft fanden sich die berufenen Worte von jener für derartige Veranstaltungen nun einmal üblichen Mischung zwischen Pathos und Gefühlsüberschwang. Diesmal klang diese Mischung sogar noch eigenartiger als sonst. Wie? Man glaubt, die Welt sei aus den Fugen? Und die Deutschen eine verachtete Nation? Wie kann das sein, da doch das Programmheft versichert, das einst so blühende deutsche Rassehundwesen werde wieder zu jener Höhe geführt, „die uns die neidlose Anerkennung der gesamten kynologischen Welt verbürgt hat“!

Es haben jene, die von sich selbst sagen, daß sie guten Willens sind, weil das „einigende Band der Liebe zum Tier und ganz besonders zum edlen Rassehund“ sie umschlingt, sich eine fast unvorstellbare Mühe gegeben. Ein Zeichen von einem Optimismus, der ganz erstaunlich ist in dieser pessimistischen Zeit. „Mit gutem Willen geht alles!“, sagte auch richtig eine Dame, die mit einem Hund von der Größe eines ausgewachsenen Ponys von Bremen im überfüllten Abteil nach Hamburg gereist war. Und dieses Wort dürfte nicht nur für Hundeliebhaber beispielhaft erscheinen. Anderseits scheint an der zitierten kynologischen Weltgeltung ebenso etwas daran zu sein. Denn selten hat man so viele Angehörige der Besatzungstruppen in deutschem Milieu so viele anerkennende Worte sagen hören. Ja, aus einer Gruppe englischer Offiziere, die sich sachkundig um bestimmte Zwinger versammelt hatten, vernahm man sogar den Satz: „Die Deutschen haben wirklich Kultur!“

Abgesehen davon, daß die schönsten Exemplare aller möglichen Hunderassen vertreten waren, abgesehen davon, daß es nicht weniger sehenswert war, wie ernste, nachkriegszeitgemäß schlanke Männer, nämlich die Preisrichter, mit strengen, prüfenden Mienen und offenbar profundem Wissen kleine, kreuzfidele Dackel begutachteten, als hätten sie die Echtheit eines Rembrandtschen Gemäldes zu bescheinigen, abgesehen von der Dürftigkeit der ausgestellten Ehrenpreise – man denke, daß ein von weither gereister Neufundländer vom Range eines „Reichssiegers“ alle Strapazen der langen Fahrt willig auf sich genommen hatte, um mit der zehn Zentimeter hohen Nippesfigur eines Dackels belohnt zu werden –, abgesehen also von alledem, war es bemerkenswert, daß man bei diesem aristokratischen Treffen außerordentlich viele wohlgenährte Hunde, fette Bernhardiner, mollige Boxer besichtigen konnte, so daß die Frage auftauchte: Wie schaffen das die Hunde in einer Zeit, da man in den Großstädten Menschen sieht, die die Mülleimer nach Eßbarem durchsuchen?

Diese Frage, die unter den Zuschauern verdächtig oft laut wurde, fand dann ihr Gegenstück im Dialog zweier junger Mädchen: „Sieh, Lotte! Dieser da heißt Show-Show, und in Japan wird er gegessen. Die violette Zunge soll eine Delikatesse sein...“ – „Ach ja! Sieht auch ganz appetitlich aus!...“ Träumerisches Schweigen. Danach – so regte ein Witzbold an – wäre es empfehlenswert, künftigen Hundeschauen, sofern die Unbilden der Zeiten fortdauern sollten, eine nützliche Abteilung „Der Speisehund“ anzugliedern.

Doch man soll niemand Böses wünschen, nicht einmal den Hunden. Zumal von Schopenhauer bis zu Axel Munke schon mancher auf dem Standpunkt stand, daß die Begegnung mit Hunden viel erfreulicher als die mit Menschen sei...