Vor einem Jahr übernahm ein Hamburger Kaufmann, Rudolf Petersen, die Regierung der Hansestadt. Schweres lag hinter ihr, wenn ihr auch das Äußerste, die sinnlose Verteidigung und damit völlige Zerstörung erspart blieb. Dunkel lag die Zukunft vor ihr. Befürchtungen erfüllten die Bewohner. Die Ernährung drohte zu stocken, Plünderungen und Verfall der Währung schienen unvermeidliche Folgen des unglücklichen Krieges.

Woher nahm der neue Bürgermeister Petersen den Mut, unter diesen Verhältnissen die Aufgabe anzupacken, auf Ruinen und Schutt neues Leben zu wecken? Er hat es selbst ein Jahr nach Übernahme seines Amtes ausgesprochen, daß er während der ersten Monate nahe daran war, diesen Mut zu verlieren. Was ihn trug, war die Tradition des Hamburger Kaufmannsstandes, mit seinen Erfahrungen und seiner Initiative, mit dem in der Fremde geweiteten Blick, mit seiner Kenntnis der angelsächsischen Welt und ihrer demokratischen Einrichtungen, eine Tradition, die sich gerade in Petersen am besten und klarsten verkörperte.

Aus dieser Tradition heraus wuchs der Mann, dessen erste und vornehmste Aufgabe es war, Verständnis und Vertrauen, bei der Besatzungsmacht zu erwerben. Angesichts der Tatsache, daß die eigenen Vorräte erschöpft waren und die Stadt auf die großzügige Unterstützung der Besatzungsmacht angewiesen blieb – heute noch lebt auch Hamburg davon, daß bis zur nächsten Ernte täglich 6000 Tonnen Getreide nachDeutschland hereinkommen –, war es von entscheidender. Bedeutung, daß an der Spitze der größten Stadt der britischen Zone ein Mann mit großen – organisatorischen Fähigkeiten stand, der durch seine Vergangenheit, seinen Charakter und seine Haltung: jeden Zweifel in sein ehrliches Wollen ausschloß.

Als die Politiker und die Berufsbeamten versagten, übernahm, wie so häufig in der Geschichte der Freien Hansestadt Hamburg, der Kaufmann die Verantwortung. Nicht blendende Phrasen, nicht himmelstürmende Ideologien, nicht Wunschträume einer schöneren Zukunft, sondern der klare, unbestechliche Blick des welterfahrenen Geschäftsmannes, der Tatsachen kennt und zu wägen versteht, tun uns heute not. Für den vorsichtigen Kaufmann mag es ein unheimlicher Gedanke gewesen sein, daß ihm vorübergehend Machtbefugnisse eingeräumt waren, die so weit gingen, daß er selbst Reichsgesetze abzuändern vermochte.

Mag die Welt der sachlichen Überlegungen, des Ausgleichs von Soll und Haben, der strengen Prüfung jedes Aktivpostens und das stete Eingedenkbleiben jedes Passivpostens manchmal schwerfällig und verzögernd wirken, auf einer derart nüchternen und soliden Grundlage allein konnte der Neuaufbau Hamburgs wieder versucht werden.

Heute weiß Hamburg, was es an seinem Bürgermeister in schwerster Zeit gehabt hat. Auch der Vertreter der britischen Militärregierung, Brigadier Armytage, hat in seinem Glückwunschtelegramm zum Ausdruck gebracht, wie sehr er durch seine Zusammenarbeit mit Jägermeister Petersen die Hamburger Tradition voll zu würdigen gelernt hat, so daß heute die Zusammenarbeit zwischen Besatzungsbehörde und Senat durch wachsendes Vertrauen gekennzeichnet ist. Die Macht der Persönlichkeit vermochte sich auch unter den unglücklichen äußeren Bedingungen durchzusetzen,

Dieses Vertrauen, das sich an den Menschen knüpft, ist auch die Brücke, die von Deutschland in die Welt hinaus geschlagen werden muß, denn eine Wiedereingliederung Hamburgs in die Weltwirtschaft ist für uns eine Lebensnotwendigkeit und für die Welt ein Gewinn.