Von Lovis H. Lorenz

Im Gedenken an Otto Alfred Politisch

Abgespannt, wenn auch nicht müde, verließ ich nach Mitternacht die Redaktion. Die Frühlingsnacht war von gleißendem Mondschein erfüllt; auf den bleichen Lichtungen zerstörter Quartiere huschte mein Schatten neben meinen Füßen einher, in den schwarzen Straßenfurchen hallten meine Schritte wider. Duft und Hauch der Mainacht taten bei mir jedoch keine Wirkung. Die Löcher im Pflaster, herumliegende Mauerbrocken erforderten viel Aufmerksamkeit; überdies verfolgte mich die unbehagliche Vorstellung von Landhaien, von jeder Begegnung überhaupt; denn die Marodeure sollten ja, wie es hieß, sogar als Polizei und Soldaten verkleidet ihre Opfer stellen. Besser, man sah niemanden. So gab es mir zunächst einen tüchtigen Schreck, als ich in einer Ruinennische zwei Gestalten entdeckte, der nicht geringer wurde, als ich sah, daß hier ein Mann einer Frau auf ziemlich eindeutige Art zusetzte. „He, Sie da, was fällt Ihnen ein?!“, rief ich um einen Grad zu laut und wandte mich den beiden zu. Mit fragwürdigem Mut übrigens; aber der spätere Selbstvorwurf, wenn ich es nicht getan hätte, wäre eben noch abscheulicher als die Angst vor der Sache. Ich hatte jedoch Glück: der Kerl knurrte irgend etwas und verschwand durch eine Mauerlücke in den Trümmern.

Die Frau, die jetzt ins Helle trat, war von auffälliger Anmut und Schönheit, ja, eine Aura der Vollkommenheit umgab sie. Aber an dieser Aura zersplitterte auch der männlich-neugierige Blick. Bis heute vermag ich nicht zu sagen, ob sie blond oder dunkel war, ob zwanzig Jahre alt oder dreißig; und – so albern es klingt – selbst das Gewand, das sie trug, ist nicht zu beschreiben; denn es erschien mir bald als ein extravagantes Abendkleid, bald als ein leichtfertiges Nachthemd. Auf jeden Fall war, sie faszinierend. „Vielen Dank für deinen Beistand“, sagte sie mit betörender Stimme, „es soll dir nicht vergessen werden. Verzeih, ich bin ein bißchen betrunken.“ Sie lächelte schwärmerisch und machte ein paar Tanzschritte. „Himmelblau, eine Fee kann bestenfalls himmelblau sein. Und ich bin eine Fee!“ Sie überging meine Verblüffung und nahm meinen Arm. „Mein Vater, der Feenkönig, liebt die menschlichen Vergnügen nicht, und darum kann ich vor morgen früh nicht nach Hause kommen. Ich wollte so gern wissen, was eine Cocktailparty ist. – Kann ich bei dir übernachten?“

Ob sie nun mich führte oder ich sie, wir waren jedenfalls im Nu in meiner Dachstube, wo sie sich unbefangen eine Schlafgelegenheit auf dem Sofa einrichtete. „Du machst kein sehr intelligentes Gesicht“, sagte sie und unterdrückte ein Gähnen. „Dabei ist Hamburg klassischer Boden für die Spuk- und Geisterwelt; Näheres findest du bei Beneke, Geschichten und Denkwürdigkeiten, erschienen 1842 in drei Bänden bei Cotta. Der Dichter Hagedorn stand mit Nymphen und Najaden an den Alsterufern auf recht vertrautem Fuß, und Hammonia persönlich, eine Nutte, muß ich dir sagen, hat sich auf die unzüchtigen Anträge Heinrich Heines eingelassen. Wenn du es nicht glaubst, so lies es nach. Gute Nacht!“ Und schon war sie eingeschlafen.

Am nächsten Morgen schwand jeder Zweifel, daß es sich wirklich um eine Fee handelte. Mein Muckefuck strömte den Duft echten Kaffees aus, und wir tafelten üppig, obwohl nur ein kleiner Brotkanten auf den Tisch gekommen war. „Ich muß jetzt gehen“, sagte die Fee und zauberte noch rasch die von mir hingereichte Zuckerdose voll. „Drei Wünsche sind üblich im Märchenschatz gesitteter Völker, drei Wünsche seien also auch dir gewährt. Aber sei bitte vorsichtig und nicht übereilt. Du weißt, welch dummes Zeug die Menschen mit ihren Wünschen schon angerichtet haben. Am besten machen wir es so: jede Woche ein Wunsch, zwischendurch hast du Zeit zum Überlegen.“ Konnte eine Fee etwas Überzeugenderes sagen? Beglückt bei der Aussicht, daß das Frühstück nun immer so splendid sein könnte wie an diesem Morgen, und nicht nur dies, sondern die Lebensnotdurft überhaupt, begann ich etwas von der schweren Zeit zu stammeln und von den unerschwinglichen Preisen. Schweigend wies die Fee mit dem Haupte tischwärts, und als ich hinübersah, wurde mir heiß und kalt vor Überraschung. Ein hellgelber Klumpen von etwa Kopfgröße blänkerte in der Morgensonne. „Gold“, erläuterte sie mit nachsichtigem Lächeln. „Könnte ich nicht lieber Alliiertengeld bekommen?“, flüsterte ich. Sie krauste unmutig die Stirn. „Geht es schon los mit der menschlichen Dummheit? Ist Gold etwa nicht mehr Gold?“ Ehe ich mich entschuldigen konnte, war sie verschwunden und ich allein mit dem in Kaffee verwandelten Muckefuck, dem markenfreien Zucker und einem großen Goldklumpen.

Dem Juwelier, zu dem ich mich mit meinem Schatz begab, war ich glücklicherweise bekannt – so hatte die Sache weiter keine Folgen. Er blickte mißmutig über den Rand seiner Nickelbrille. „Gold ist es, tausend Feingehalt. Aber Sie wissen doch selbst, daß alle Edelmetalle ablieferungspflichtig sind! Soll ich mir Ihretwegen die Finger verbrennen? Erzählen Sie doch keine Geschichten –!“ Er hob abwehrend beide Hände, weil ich aufs neue ansetzte, um mich zu rechtfertigen. „Ein Mensch in Ihren Jahren –!“ Also nicht auf geraden Wegen? Gut, dann auf krummen. Durch Empfehlung gewisser Gestalten an gewissen Straßenecken gelangte ich an einen gewissen Zarettenemil, so genannt, weil er ohne Rücksicht auf Preis und Marktlage stets zigarettenpaffend auftrat. Er gab mir ein Rendezvous auf seiner Lieblingsbank im Park und wickelte nach einem raschen Blick den Klumpen wieder in seine Zeitung. „Biste varrick, Mensch? Wie kannste die ganze Sore in Klump schmelzen? Mußt ja allerhand Dinga jedreht haben!“ Er hatte es eilig, sich von mir zu trennen, und empfahl dringend, den Klumpen erst einmal in kleine, verkäufliche Stücke umzuschmelzen.