Von Georg Kriszat

In Nr. 6 der „Zeit“ brachten wir einen Aufsatz von H. W. Behm „Brücke zum Unbelebten“, in dem der Verfasser über die Möglichkeit sprach, die Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur aufzuheben. In diesem Aufsatz kam im großen und ganzen der Standpunkt des Mechanismus in der Biologie zum Ausdruck. Heute geben wir einem Vertreter des Vitalismus Gelegenheit, sich zu dem gleichen Thema zu äußern, um so in dieser wichtigen Frage die beiden großen Richtungen der biologischen Wissenschaft zu Wort kommen zu lassen.

Es ist die Aufgabe der Biologie als Wissenschaft vom Leben, sich mit den Erscheinungsformen des Belebten in der Natur zu beschäftigen. Dabei ist nicht nur das Tier und die Pflanze als einzelne Art in ihrem Werden und Sein der Gegenstand ihres Forschens, sondern auch das Leben selbst als Erscheinung. Die Chemie und Physik sind in ihren Aufgaben eindeutiger zu kennzeichnen als die Biologie. Stoff und Energie sind für uns. sichtbare und begrifflich leicht darstellbare Anschauungsformen Der chemische oder physikalische Vorgang läßt sich durch Formeln aufzeigen, deren Richtigkeit beweisbar ist.

Was Leben ist, können wir weder darstellen noch beweisen. Wir wissen nur etwas über die lebenden Wesen, aber nichts über das Leben selbst. Ein Tier oder eine Pflanze, in der kein Leben mehr ist, zeigt zunächst keine wesentliche Veränderung. Erst allmählich setzt eine Auflösung der toten-Substanz ein, die uns zeigt, daß das Leben daraus entwichen ist. Das Leben ist also an den Stoff gebunden. Es bedient sich des Stoffes, um nach seinem Zerfall in unzähligen neuen Formen wieder aufzutreten. Wir sprechen darum auch von der körperlichen Hülle, weil wir damit dem Gedanken Ausdruck geben wollen, daß der Körper noch etwas enthält, was ihm innewohnt und als Erscheinung nicht nur durch das Sichtbare und Handgreifliche erklärt werden kann. Leben ist also zunächst ein Begriff, den wir aus einer Anzahl von Eigenschaften der Lebewesen abgeleitet haben. Jeder Begriff hat einen Inhalt und ist durch Kennzeichen bestimmbar. Für das Leben gibt es eine ganze Reihe Kennzeichen, deren Brauchbarkeit es für unsere Betrachtung zu prüfen gilt. Alles Belebte zeigt Funktionen. Eine dieser Funktionen bezeichnen wir als Stoffwechsel. Unter Stoffwechsel verstehen wir die Aufnahme und die Verarbeitung von Stoffen zum Zwecke der Erhaltung und Vermehrung der lebenden Substanz. Alle Organismen zeigen außerdem Wachstum und Fortpflanzung. Ein weiteres Kennreichen des Lebendigen ist, daß es sich in merkender und wirkender Beziehung zu seiner Umwelt befindet und daneben in sein Medium z. B. Wasser, Luft, Erde eingepaßt ist, von dem es Einflüsse empfängt. Damit sind eine Reihe von Eigenschaften gekennzeichnet, die Belebtes und Unbelebtes grundlegend voneinander trennen und unterscheiden. Die Eigenschaften des Lebendigen erweisen, daß die lebenden Wesen eigengesetzliche Organismen sind. Bau und Funktion sind bei Ihnen zu einem Bau- und Funktionsplan miteinander verbunden. Damit haben wir einen neuen Begriff eingeführt, den der Planmäßigkeit. Ein Plan weist immer Beziehungen der einzelnen Teile, aus denen er sich zusammensetzt, zueinander auf. Er ist eine von uns gesehene Ordnung, die sich aus dem Zusammenhang und der Bedeutung seiner Bestandteile ergibt. Dabei handelt es sich nicht nur um das Geschehen im Organismus selbst, sondern auch um die Veränderungen, die er im Laufe seines Lebens erfährt und die Beziehungen zu den anderen Organismen und zu seiner Umgebung. Dieser Plan, von dem hier die Rede ist, gehört nicht zu den sichtbaren Eigenschaften des Stoffes. Er ist ein immaterieller Naturfaktor. Sein? Wahrnehmung verdanken wir einer besonderen Fähigkeit unseres Verstandes und nicht den Sinnesorganen, mit denen wir keine immateriellen Beziehungen wahrnehmen können.

Auch in der unbelebten Natur sehen wir in den räumlichen Systemen der Kristalle einen Plan in Erscheinung treten. Dieser Plan ist aber nur ein räumlicher Plan, der die Wechselwirkung der in ihm enthaltenen Formelemente unverändert festlegt Von den Plänen der belebten Substanz unterscheidet er sich dadurch, daß er weder zweckmäßig noch zielstrebig ist und keinerlei Leistungen oder Funktionen aufweist. Die Entstehung der Kristalle von dem Vorhandensein des Stoffes, der zu Bildung notwendig ist, und von den entsenden physikalischen Bedingungen bestimmt, Darum gibt es für uns bisher auch keine Brücke from Belebten zum Unbelebten. Selbst das komplizierteste Eiweißmolekül ist immer noch kein lebendiges Gebilde, in dem wir durch irgendeines Vorgang Leben erzeugen könnten. Das in den Zellen aller Lebewesen enthaltene Protoplasma ist als Eiweiß keine einheitliche Verbindung oder ein Gemisch aus solchen, sondern ein lebendiges System, das sich in jedem Augenblick verändert. Es ist kein statisches sondern ein dynamisches Gefüge, in dem der Lebensprozess in einzelnen Phasen abläuft. Das Problem der Entstehung des Lebens kann darum auch von der chemisch-physikalischen Seite her nur wenig erleuchtet werden. Selbst wenn es gelingen sollte, bestimmte Eiweißverbindungen künstlich herzustellen, so sind wir von der Herstellung eines Zustandes, wie er im Protoplasma der Zelle herrscht, noch weit entfernt. Einige Zahlen sind geeignet, das zu erläutern. Man hat für Moleküle, aus denen sich das komplizierte pflanzliche und tierische Eiweiß zusammensetzt, nachweisen können, das sie in sich wiederum aus einer Million von Atomen bestehen. Am Aufbau dieser Riesenmoleküle sind als nachweisbare größere Bestandteile 6000 bis 8000 sogenannte Aminosäuren beteiligt. Bei den Trägern bestimmter Kerneiweiße wird angenommen, daß die Zahl der Atome, also ihrer kleinsten Bestandteile, bis zu 1 Milliarde betragen kann. Die Zahl der Baumöglichkeiten und Verschiedenheiten dieser Riesenmoleküle ist kaum zu erfassen, wenn man bedenkt, daß die Zahl aller uns bekannten organischen Verbindungen mit etwa 500 000 angegeben werden kann.

Selbst wenn wir annehmen, daß es außer den kleinsten Lebewesen, den Bakterien, noch einfachere Formen gibt, die als Krankheitserreger die sogenannten Viruskrankheiten hervorrufen, so sind wir noch weit davon entfernt, diese Erscheinungsform als Brücke vom Belebten zum Unbelebten zu betrachten und damit den Glauben zu erwecken, daß wir uns auf dem Wege zur Darstellung künstlicher Lebewesen befinden. So wie die Atome die Quantität sind, aus denen wir die Natur der Materie zu erkennen versuchen, so sind die Zellen die Grundformen des Lebendigen, in dem das Protoplasma der Träger der Qualität des Lebens ist. Dabei zeigt das kleinste Lebewesen, etwa eine Amöbe oder ein Urtierchen die gleichen Lebensfunktionen, die wir als Grunderscheinungen des Lebens gekennzeichnet haben, wie der komplizierteste vielzellige Organismus eines Säugetieres. Jede Zelle hat ihre subjektive Qualität und kann darum auch mit Recht als Zellsubjekt bezeichnet werden. Außer dieser subjektiven Qualität hat jede Zelle noch eine objektive Energie. Die subjektive Qualität ist nicht sichtbar und tritt äußerlich nicht in Erscheinung. Dagegen ist die objektive Energie in der Leistung der Zelle wahrnehmbar.

Subjektive Qualität und objektive Energie stellen in ihrer Vereinigung die „spezifische Energie“ der Zelle dar. Es ist das Verdienst von Johannes Müller, diesen für uns wesentlichen Begriff geprägt zu haben. Er hat damit grundlegend zum Verständnis der Lebenserscheinungen und der Funktion der Zelle beigetragen. Wenn wir die Leistung einer Zelle oder eines gleichartigen Zellverbandes betrachten, so sehen wir, wie jeder Reiz mit dieser spezifischen Energieleistung der Zelle beantwortet wird. Die Muskelzelle und das Muskelgewebe beantworten jeden Reiz durch Zusammenziehen. Die mechanische Energie des Verbandes tritt damit sichtbar in Erscheinung. Das Drüsengewebe sondert auf Reizung sein spezifisches Drüsensekret ab. Nicht bei allen Zellen ist die mechanische Energieleistung ohne weiteres sichtbar. Das Nervengewebe läßt uns seine Leistung erst auf Umwegen erkennen, da seine Aufgabe darin besteht, als merkendes und wirkendes Organsystem die Reize zu leiten, zu ordnen und zu verteilen. Hier tritt die Vielgestaltung des Lebendigen besonders deutlich in Erscheinung. Aber auch dort, wo für uns noch kein Nervensystem vorhanden ist, bewältigt das Protoplasma der Zelle allein die ihm gestellten Aufgaben.

So mündet das Problem des Lebens schließlich wieder in das merkende und wirkende Protoplasma des Zellsubjekts, in dem das Geheimnis des Lebensplanes aufgehoben und verborgen ist. Unablässig fließt der Strom des Lebens durch die Jahrmillionen. Es ist uns nicht möglich, seinen Anfang zu erkennen, genau so, wie wir sein Ende nicht absehen können. Es ist der ewige Rhythmus vom Werden und Sein, dem auch der Mensch unterworfen ist.