Der unlängst verkündete „Industrieplan“ wird Selbst in den alliierten Ländern dahin kommentiert, daß er große Gefahren nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa bringt. Der „Manchester Guardian“ hält den Plan für undurchführbar, sieht eine in die Millionen gehende ständige Arbeitslosigkeit in Deutschland und eine dauernde Verarmung Europas voraus. Er fordert deshalb die britische Regierung auf, dem Industrieplan seine Zustimmung zu versagen. In der Tat ist nicht zu verkennen, daß wir es hier mit einer Operation zu tun haben, bei der es im Zweifel ist, ob der geschwächte Patient den Eingriff überstehen wird. Zumindest ist mit Umschichtungen im wirtschaftlichen Gefüge zu rechnen, wie sie in solcher revolutionären Art noch in keiner Volkswirtschaft zu verzeichnen gewesen sind. Während dieser wirtschaftlichen und sozialen Strukturverschiebungen aber sind lange Zeiten mit unaufhörlichen Krisenerscheinungen vorauszusehen, die auf die gesamte internationale Wirtschaft ausstrahlen müssen. Selbst der deutschen Organisationskunst wird damit zuviel zugemutet. Uhsere Hoffnung kann nur sein, daß die britische Regierung und mit ihr die übrigen beteiligten Mächte „im gegebenen Zeitpunkt eine Abänderung oder Streichung irgendwelcher Begrenzungen und die Vergrößerung der dem Frieden dienenden deutschen Industrien begünstigen“, wie sich ein Vertreter der englischen Regierung nach Veröffentlichung des Planes äußerte.

Über die deutsche Textilwirtschaft spricht der Industrieplan nur mit wenigen Worten. Ganz allgemein zählt sie zu denjenigen Industrien, deren Heranziehung für Reparationen nicht vorgesehen ist. Jedoch soll bei diesen Industrien eine solche Möglichkeit vorbehalten bleiben, falls der Kontrollrat entscheidet, daß überzählige Industrieanlagen weder in Deutschland noch für den Export erforderlich und für Reparationen geeignet sind. Man kann wohl mit guten Gründen behaupten, daß von einer Übersetzung der deutschen Textilindustrie heute keine Rede mehr sein kann, seitdem ein Großteil der Anlagen während des Krieges zerstört wurde. Ja, es ist sogar mit Sicherheit anzunehmen, daß einzelne in Großstädten zusammengeballte Zweige, die besonders stark gelitten haben, nicht einmal den heimischen Bedarf befriedigen, geschweige denn (ihrer Überlieferung gemäß) noch Ausfuhren bestreiten können, wenn die Produktionskapazität auf dem jetzigen Stande verharrt Die ausreichende Versorgung des Binnenmarktes ist aber das mindeste, was man von der deutschen Wirtschaft erwarten muß; Deutschland kann sich angesichts der erheblichen Abhängigkeit von ausländischen Lebensmittel- und Textilrohstoffzufuhren nicht auch noch größere Fertigwareneinfuhren gestatten. Das widerspräche überdies einem grundlegenden Gedanken des Planes: dem Zwang zur Veredlungswirtschaft auf Kosten der Grundindustrien. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß überzählige Industrieanlagen, die weder für den Binnenmarkt noch für die Ausfuhr erforderlich wären, heute wohl nicht mehr bestehen. Die Eignung der Textilindustrie für Reparationen aber ist im wesentlichen eine politische Frage, über die wir uns nicht zu äußern haben.

Die entscheidenden Zahlen für die „geschätzte Begrenzung“ der deutschen Textilwirtschaft sind folgende: Für 1949 wurde ein Fasergewicht von 665 000 t angesetzt verglichen mit 856 000 t im Jahre 1936. Das entspräche einem Rückgang um rund 23 v. H. Bei der Begrenzung ging man von einem Durchschnittsanteil von 10 kg (einschließlich 2 kg Ausfuhr) je Kopf der Bevölkerung aus, die auf 66,5 Mill. geschätzt wurde. Offensichtlich soll der Kopfanteil die feststehende Größe sein, während die Gesamtbegrenzung entsprechend der wirklichen Bevölkerungszahl, die sich erst aus der kommenden Volkszählung ergeben wird, als veränderlich anzusehen ist. Insofern liegen also noch Schwankungsmöglichkeiten in der Begrenzung vor – ganz unabhängig von späteren Abänderungen des Planes auf Grund wirtschaftlicher Überlegungen, insbesondere für „friedliche Industrien“, auf deren Ermunterung zumindest die britische Regierung Wert legt

Nehmen wir einmal an, die Bevölkerungszahl von 66,5 Millionen träfe ungefähr zu, der Ansatz von 665 000 t Fasergewicht entspräche also einem Kopfanteil von 10 kg, so bliebe zu fragen, wie die zugrunde gelegte Vergleichszahl von 856 000 t für 1936 zustande kam. Nach dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich betrug 1936 der Rohstoffverbrauch in den Einsatzindustrien (und die Erzeugung der Kunstseidenindustrie):

Baumwollspinnerei 439 505 t

Wollwäscherei 6 833 t

Wollwäscherei und -kämmerei . 82 380 t