König Viktor Emanuel von Italien hat abgedankt. Er hat das Reich seinem Sohn Umberto überlassen, der schon seit längerem die verfassungsmäßigen Rechte der Krone als Generalstatthalter vertritt, und ist vollends Privatmann geworden. Das bedeutet keinen neuen Kurs und keine grundsätzliche Entscheidung. Es ist nichts weiter als die formale Bestätigung eines Zustandes, der im April 1944 mit dem Rückzug des Königs aus dem politischen Leben herbeigeführt wurde. Der Savoyer hat diesen Schritt damals nicht freiwillig vollzogen. Zwei ernste Krisen, die in der Verweigerung der Zusammenarbeit mit dem König durch die Kabinette gipfelten, haben ihn dazu gezwungen. Die Linke hat in dem resignierten Zurückweichen der Majestät ein Signal zu angefachter Propaganda für die Republik gesehen, die königstreue Rechte hat mit chevaleresken, kavalierhaften, aber durchsichtigen Argumenten die Staatsklugheit gerühmt, die darin zum Ausdruck kommen sollte. Offiziell hat es geheißen, der König habe es seinem Volke erleichtern wollen, einen Weg in die Zukunft zu finden.

Haben die Italiener ihn gefunden? Beschreiten sie ihn schon? Ist der neue Weg in Sicht? Oder tappt das Volk der Apenninhalbinsel im dunkeln, bedroht von der Gefahr, sich zu verlaufen und die falsche Richtung einzuschlagen? Hat das „Opfer“ seines Monarchen als Wegweiser gewirkt oder auch nur zur Orientierung beigetragen?

Das italienische Volk marschiert mehr denn je ohne Plan und Ziel. Besser gesagt: es schleppt sich mühsam vorwärts. Marschieren können nur solche, die wissen, was sie wollen. Die Italiener wissen es nicht. Sie können es auch gar nicht wissen. Sie haben den Krieg und den Zusammenbruch erlebt. Sie haben gesehen, wie ein System, das Erfolge hatte und dem sie ihre Begeisterung schenkten, an innerer Fäulnis zugrunde ging, und sie hassen es nun. Sie fühlen, daß sie mit Haß nicht weiterkommen, und suchen nach etwas, das sie lieben könnten, aber sie können es nicht finden. Sie haben davon geträumt, daß die Siegermächte ihnen zugetan sein möchten, weil sie beizeiten kapituliert haben, und sie erkennen mit jedem Tag klarer, daß sie in erster Linie Besiegte und erst in zweiter Linie Freunde sind. Sie wollen aufbauen und wissen nicht, worauf, sie sitzen in einem Strudel von Parteien und Parolen, der sie hin und her reißt und am Ende nichts erzeugt als Mißtrauen und Lähmung. Und sie legen die Hände in den Schoß, um der kommenden Dinge zu harren.

Die Sonne Italiens strahlt in unverminderter Pracht über Gebirgen und Ebenen, Getreideäckern und Weinbergen, aber die Menschen spüren wenig davon. Sie haben das Gefühl, im Schatten zu leben. Vieles ist um sie aufgewachsen und verdüstert ihr Dasein. Hunger, Inflation, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, politische Radikalisierung, schrankenlose Gewinnsucht... Den dunkelsten, den schwersten Schatten aber wirft wohl die Frage: Wie wird der Frieden? Anfänglicher Optimismus ist verflogen, die Besprechungen im Luxembourg-Palais gehen nur schleppend voran, die Auffassungen von West und Ost sind zu unterschiedlich, das Auf-der-Stelle-Treten zehrt an der Nervenkraft. Wie hoch werden die Reparationen sein? Wird die Sowjetunion sich durchsetzen mit ihrer Forderung auf 300 Millionen Dollar? Bedeutet die Entscheidung in dieser wichtigsten aller Fragen die Möglichkeit eines neuen Aufstiegs oder die endgültige Proletarisierung eines ganzen Volkes, das sich von jeher in seiner Gesamtheit als proletarisch empfindet? Was wird aus den afrikanischen Besitzungen? Kommt es unter Treuhänderschaft Rußlands oder zurVerwaltung durch die UNO? Wird Triest italienisch bleiben, und welches Geschick erwartet Venezia Giulia?

So ist alles, was geschieht, ein Provisorium. Die Wahlen in den Gemeinden waren interessiert, aber das Bild, das sie entwarfen, ist durchaus nicht eindeutig. Ein Erfolg der Linksparteien? Zweifellos. Ein Kraftzeugnis für die katholische Mitte? Auch das. Vielleicht ist gerade diese Erkenntnis das wesentliche Ergebnis: es wird keine kompakte Mehrheit hier oder da geben. Die eine Partei wird auf die andere nicht verzichten können, wenn es darum geht, Gesetze durchzubringen. Das heißt Mäßigung. Und es heißt Koalition. Damit ist nicht gesagt, daß es keine Opposition geben wird. Der rechte Flügel der Linken, die Mitte und der linke Flügel der Rechten haben sich zu einer Gruppe zusammengefunden und steuern kirchlichen Kurs. Man hat aus den Fehlern Badoglios und Bonomis gelernt. Es hat keinen Zweck, gemeinsame Interessen zu konstruieren, wo scharfe Gegensätze sind. Nicht die ganze Palette, ist in einen Farbton zu mischen. Entweder links oder rechts – einer muß zum Träger der Opposition werden. Die kleinen Splitter – letzte amtliche -Meldungen sprechen von insgesamt 37 Parteien – werden sich angliedern müssen, wenn sie nicht untergehen wollen. Das Bild der großen Sechs hat sich kaum verändert: Kommunisten, Sozialisten, Christliche Demokraten, Demokratsche Arbeiter, Aktionspartei und Liberale bilden den Stamm. Sie werden es sein, die miteinander oder gegeneinander regieren müssen. Daß Überraschungen nicht ausgeschlossen sind, zeigt der Zerfall der Aktionspartei in zwei Flügel, dessen einen der strenge Republikaner Parri führt. Intellektuelle und gehobene Berufe sind nun besonders sauber ausgesucht, aber es fehlt ihnen die Stoßkraft. Keine der beiden Gruppen hat eine nennenswerte Gefolgschaft gewinnen können. Von Anhängerschaft können nur die Christlichen Demokraten, de Sozialisten und die Kommunisten reden.

So gehen die Parteien in die Wahl des 2. Juni, um dem Land die verfassunggebende Nationalversammlung zu geben. Wahlmodus und Wahlrecht sind lange umstritten gewesen. Das Kind der widersprechenden Eltern ist ein proportionales Wahlsystem, das 30 Millionen Wähler verpflichtet, ihre Stimme abzugeben. Ein weiter Weg vom faschistischen Wahlrecht, das ganz Italien als einen einzigen Wahlkreis betrachtete, bis zu der umwälzendenNeuerung, daß auch Soldaten und Frauen an die Urne treten werden! Wird das italienische Volk wissen, was in seine Hand gegeben ist? Wird es impulsiv kurzsichtig oder abwägend überlegen sein? Die Meinungen gehen auseinander. Es fehlt nicht an Stimmen, die alles preisen, was mit Parlamentarismus zusammenhängt, aber auch nicht an denen, die behaupten, die Südländer hätten zuviel unbesonnenes Temperament für eine so ausgewogene, diffizile Regierungsform. Nicht umsonst klagt die „Stampa“: „Das Gemeinsame der sich mit Politik befassenden Italiener, jener von gestern und heute, ist die geringe Achtung vor denen, die anderer Meinung sind. Ein trauriges Schicksal will es, daß die politischen Kämpfe in Italien seit jeher in Schlägereien auszuarten pflegen.“

Mit der Wahl für die Nationalversammlung ist die Abstimmung über die Staatsform verbunden. „Monarchie oder Republik?“ lautet die Frage. Nach der Kräfteverteilung der Gemeindewahlen möchte es scheinen, als sei der Republik eine Mehrheit sicher. Aber was auf dem Stimmzettel steht, steht nicht auch in den Herzen. Die Italiener mögen sich als Demokraten und Republikaner in die Brust werfen – in der Tiefe ihrer Seelen glimmt der monarchische Funke. Ein leises Anblasen genügt, und er fängt an zu brennen. Viele haben auch ein Vorurteil gegen die Republik. Nicht weil sie noch immer Faschisten wären – daß es die noch gibt, zeigt die Entführung der Leiche Mussolinis –, sondern weil sie einfach keine Vorstellung von einer republikanischen Verfassung haben und keinen geeigneten Präsidentschaftskandidaten wissen.