Gruß an Gustav von Wangenheim

Es war im Hamburg der Weimarer Republik. Nach den Kammerspielen hatte Erich Ziegel die Leitung des Schauspielhauses übernommen. Das brave, bürgerliche Abonnementspublikum zog verschnupfte Nasen, aber die Jugend witterte Morgenluft. Sie jauchzte, sie war begeistert; sie füllte die Galerien und billigen Plätze! Noch einmal, nach dem schon sanft auf seinen Lorbeeren ausruhenden republikanischen Geist Deutschlands, wehte ein freier Wind von der Bühne durch die verstaubten Ränge des Theaters. Auf dem Programmzettel stand Franz Werfels, des in der Verbannung Gestorbenen, „Juarez und Maximilian“. Die teuren Plätze in Parkett und Rang gähnten leer – die Jugend der Galerie aber jubelte Gustav von Wangenheim zu! Da wirkte er, dieser Sprecher, Spieler, Künstler und Gestalter aus einer unheimlichen, atemberaubenden Vitalität heraus, da wirbelte er über die Bühne und riß seine Kollegen mit, daß auch die Herzen der gekommenen, atemlos schauenden und horchenden Zuhörer mit- und aufgewirbelt wurden. Da füllte eine Gewalt der Sprache das Haus, vor der sich niemand, der wußte, daß Kunst Bekenntnis ist, verschließen konnte! Es war ein großer Abend! Und die dabei waren, gingen mit aufgewühlten Seelen aus dem Theater in die nächtlichen Straßen Hamburgs hinaus.

Es war nicht nur ein großer Abend. Viele Abende, die Gewicht und Gehalt hatten, folgten. Gustav von Wangenheim stand in vorderster Front: sprach, gestaltete, riß mit! Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht an den mit ihm gehenden, jungen Hans Otto? Und Erich Ziegel hatte Mut: Das Bürgertum versagte, sträubte beleidigt sein Gefieder, räsonierte von „gebrochener Tradition des Schauspielhauses“, ließ Ziegel allein mit Friedrich Wolfs „Kolonne Hund“, Hanns Henny Jahns ‚Medea“ und mancher anderen, an dieser Stätte bestimmt erstmaligen jungen Kunst. Es versagte selbst vor einer glänzenden Inszenierung des „Käthchen von Heilbronn“ mit Gustav von Wangenheim als Ritter vom Strahl. Von einer begeisterten Jugend ohne Geld konnte damals kein Theater leben. Erich Ziegels Versuch, das Hamburger Theater (im größeren Rahmen als in den Kammerspielen) zu aktivieren, schlug fehl. Wangenheim ging nach Berlin.

Ich denke anderer Stunden im Kreise der Jugend: wann und wohin Wangenheim zu ihr gebeten wurde – er kam auch ohne große Honorare! –, immer war er für jede freiheitliche Sache der Kunst. und des Geistes zu haben, ob vor einem repräsentativen Publikum oder vor den Jungen und Mädeln der Arbeiterjugend. Gerade in den einfachen, schmucklosen Räumen der Arbeiter und ihrer Jugend war er immer wieder zu finden – er saß an einem einfachen Holztisch, er füllte den Raum mit der Wucht seiner Sprache und künstlerischen Persönlichkeit, er sprach die Dichter der Freiheit und Demokratie, sprach Heine, Tucholski, Multatuli – sprach sie alle, die frei dachten und wirkten, die frei in sich selber waren und frei vor Herren und Fürsten! Und wie selten in Hamburg ein Schauspielername wurde jener Gustav von Wangenheims zu einem Begriff, der eindeutig und unverrückbar im Dienste der geistigen und politischen Freiheit und Menschenwürde stand.

Es kam dann der dunkle Tag, da Presse und Rundfunk eine Liste der Namen von bedeutenden Männern und Persönlichkeiten nannten, denen die deutsche Staatsangehörigkeit „aberkannt“ worden war. Mit Thomas und Heinrich Mann war auch Gustav von Wangenheim unter ihnen. Zwölf Jahre lebte er in der Verbannung. Als mich die Kunde erreichte, daß er zurückgekehrt sei und das Deutsche Theater Max Reinhardts in Berlin als Leiter und Fortführer einer großen Bühnentradition übernommen habe, da sah ich wieder, wie damals in Hamburg, diesen Mann vor mir stehen – diesen wahrhaften Menschen und Künstler, dessen Sprache und Gebärden innere Welten aufzureißen vermochten –, und ich grüße ihn im Geiste mit allen hier im Norden, die ihn kannten, erlebten und liebten! Herbert Lestiboudois