In Göttingen, im Wartesaal, einer langgestreckten Holzbaracke hundert Meter vor der Bahnhofshalle, saß ein Mann, der ganz genau Bescheid wußte. Ein jüngerer Mann, nicht viel mehr als zwanzig Jahre alt, halb in Zivil und halb noch in abgetragenen Uniformkleidern. Dieser Mann, der im russischen Gebiet wohnte, irgendwo in einem Dorf bei Heiligenstadt, war vor sechs Wochen aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und hatte damals den Weg zum erstenmal gemacht. Damals, so sagte er, war er noch bei Tag gegangen, bei hellichtem Tag.

„Schwarz?“ – „Ja“, sagte er, „schwarz.“

„Aber es gibt doch Übergangsstellen! Du hättest doch durch so ein Lager gehen können. Hattest du Papiere?“

„Ja, ich hatte auch Papiere, gute Papiere.“ Er blinzelte von unten herauf. „Aber man weiß nie, wo man dran ist, verstehst du. Ich bin eben schwarz gegangen, weil ich sicher sein wollte. Das war das erste Mal.“

Nach einer Woche war er wieder zurückgegangen. Er kannte ja die Gegend ganz genau. Diesmal brach er in der ersten Abenddämmerung auf. Er brachte gegen Bezahlung in der Zigarettenwährung einen Mann, eine junge Frau und einen Haufen Gepäck über die Grenze. Er wußte einen Weg durch Niederwald und Gestrüpp, einen guten Weg, fast dreißig Kilometer Fußmarsch. Aber er ging schon mit verdoppelter Vorsicht. Er ging nachts, und er tat es deshalb, wie er sagte, weil er nachts die Gewehre der russischen Posten nicht fürchtete.

„Und der Mann? Und die Frau?“

„Ach was“, sagte er, „mich hätten sie sowieso nicht erwischt.“