Die Demokratisierung der Verwaltung soll nach Absicht der Militärregierung vollständig sein. Durch die von der Bürgerschaft gewählten politischen Gruppen soll die Stadtvertretung und von dieser wiederum ihr Vorstand, der politische Bürgermeister, bestimmt werden. Diese Konstruktion ist in der deutschen Verwaltungsgeschichte neu. Nach den alten Gemeindeverfassungsgesetzen war der Bürgermeister zwar gleichfalls von der Bürgerschaft zu wählen. Seine Rechtsstellung aber war nicht die eines Politikers, der beim Wandel der politischen Machtverhältnisse sein Amt jederzeit wieder verlieren kann, sondern die des Beamten. Als Wahlbeamter mußte er sich der Zustimmung seiner Stadtverordneten in ständiger politischer Fühlungnahme versichert halten. Als Festbesoldeten, auf zwölf Jahre Angestellter aber, genoß er wiederum eine gewisse Unabhängigkeit. Das war ein System, das Deutschland eine große Zahl berühmter Oberbürgermeister gegeben hat, die nicht nur als Kommunalpolitiker, sondern auch als Staatsmänner, Wirtschaftsführer und Wissenschaftler Bedeutendes geleistet haben.

Nach Absicht der Militärregierung wird der Bürgermeister künftig kein Wahlbeamter, sondern ein ehrenamtlich tätiger Politiker sein. Daher erhält er kein Gehalt, sondern lebt von seinem Privatberuf und bezieht lediglich eine Aufwandsentschädigung, die nach den bisherigen Meldungen, etwa bei 100 bis 200 RM monatlich liegt.

Anderseits ist es eine alte Erfahrung, daß der Fachmann, der Verwaltungsjurist, der geschulte Beamte im öffentlichen Leben nicht zu entbehren ist. Wie komplizierte Aufgaben heute gestellt sind, wie viele Bestimmungen, Bewirtschaftungsvorschriften, Planungsarbeiten nötig sind, um die öffentliche Verwaltung im Gange zu halten, weiß jedermann.

Für diese Arbeit der laufenden Verwaltung bedarf es des geschulten Fachmannes, der vollberuflich und festangestellt im Dienst der Bürgerschaft arbeitet. Richtiger gesagt, es bedarf sehr vieler solcher qualifizierter Kräfte. Hier aber, wo von der Neugestaltung der obersten Gemeindeorgane die Rede ist, soll nur von dem Leiter aller gemeindlichen Fachkräfte gesprochen werden, der nach der neuen Regelung Oberstadtdirektor oder Oberkreisdirektor heißt. Er soll eine nachgeordnete Stellung gegenüber dem Politiker, dem Bürgermeister und Präsidenten der Stadtvertretung einnehmen. Er soll die Beschlüsse des politischen Kollegiums lediglich ausführen und nach dessen Richtlinien handeln. Den Beratungen wohnt er allerdings bei, doch steht hm keine Stimme bei der Beschlußfassung selbst m. Wohl aber ruht auf seinen Schultern die.-ganze ast der laufenden Geschäfte, um die sich der Bürgermeister, der ja nur ehrenamtlich tätig sein und nebenher seinem Hauptberuf nachgehen soll, nicht im einzelnen kümmern kann und soll. Es egt auf der Hand, daß diese Aufgabe zwar weniger ervortretend, aber nicht weniger bedeutend als die es Bürgermeisters ist.

Daher ist es nicht so überraschend, wie es im ersten Augenblick erscheinen mag, daß sich wohl der größte Teil der bisherigen Landräte und Bürgermeister dazu entschlossen hat, zurückzutreten und das Amt des Stadt- oder Kreisdirektors zu wählen. Etwas anderes ist es, ob diese Entwicklung unbedingt zu begrüßen war. Wohl ist es erfreulich, daß nun die bisherigen Gemeindeleiter, vielfach Verwaltungsbeamte oder sonst Juristen, in ihrem Wirkungskreis verblieben sind, und daß die Kontinuität der Verwaltung auf diese Weise erhalten bleibt. Anderseits aber ist nicht zu verkennen, daß diese Entscheidung sicherlich auch eine gewisse Abkehr von der Politik bedeutet.

Das scheint besonders für den Bereich der ländlichen Selbstverwaltung bedauerlich. Gerade in der ländlichen Selbstverwaltung liegt seit jeher eine der stärksten Wurzeln der deutschen Kommunalpolitik. Gerade bei ihr ist die Gestalt des ehrenamtlichen Bürgermeisters, die in den Städten längst zur Fiktion geworden ist, bis in die Gegenwart hinein lebendige Wirklichkeit geblieben. Wenn es auch keineswegs Bauern waren, die sich jetzt in den größeren Bezirksgemeinden, etwa Schleswig-Holsteins, für den Übergang in das Amt des Stadtdirektors entschlossen, so standen sie doch alle in lebendiger politischer Fühlung mit der bäuerlichen Bevölkerung ihres Bezirks. Zweifellos kommt diese Fühlung nun auch ihrem neuen Amt zugute. Dennoch aber ist auf dem politischen Gebiet ein Bruch eingetreten, der nicht immer eine Stärkung mit sich bringen dürfte.

Damit sei nun noch auf das künftige Verhältnis der beiden Hauptfiguren des neuen Kommunalrechts eingegangen. Grundsätzlich ist der Leiter der Verwaltung dem Präsidenten des Stadtkollegiums nachgeordnet, dessen Fachberater und Helfer. Dennoch aber kommt ihm so viel eigenes Gewicht zu, daß ihn der Bürgermeister nicht schlechterdings als sein Werkzeug, als bloßen Untergebenen betrachten kann. Wir haben genug von jenen politischen Bürgermeistern, die alles auf ihre sogenannte „starke Persönlichkeit“ abstellten, und jede sachliche Auseinandersetzung diktatorisch mit einem Hinauswurf beendeten. Auch eine rein kapitalistische Auffassung des beiderseitigen Verhältnisses, die den Stadtdirektor lediglich als bezahlten Handlanger ohne eigene Meinung betrachtete, würde jedenfalls der deutschen Wesensart und Rechtsüberzeugung nicht entsprechen. Noch weniger aber darf sich umgekehrt der Stadtdirektor zu einer Art von „grauer Eminenz“ und Nebenregierung entwickeln, die das politische Leben nur als Kulisse zu mißbrauchen strebt. Das würde den Sinn der Neugestaltung in sein Gegenteil verkehren.