Von Paul Appel

Renée Sintenis, die junge, nähert sich den Sechzigern, ihre Lebensarbeit beginnt sich auszurunden.

Als sie sich durch die für Kunst und Künstler so traurige Zäsur um 1933 in ihrer öffentlichen Wirkung gehemmt sah, war ihr plastisches Sprechen bereits durchgeprobt, hatte der Instinktstil der Sintenis, der Stil einer klugen, das Weise und Gütige suchenden Frau, alle Phasen einer gesunden Sensibilität durchlaufen. Mit einem innig abstrahierenden Ton hatte es um 1915 eingesetzt, und die Probe auf das Grundsätzliche der künstlerischen Begabung, auf Formtrieb und Ergriffensein, war einwandfrei bestanden. Kurz darauf schon war dann der Durchbruch gekommen, der Renée Sintenis in die vorderste Reihe der europäischen Plastiker stellte. Die vorsichtige, jung-besonnene Formsprache erweiterte sich ruckhaft, das Gestalterische nahm eine breite Fülle an, wurde kühner, handfester, vielgestaltiger, pointierter, und wie in einer großen Liebes- und Lebenslaune entstand jener Flor von jungen Tiergeschöpfen, entwickelte sich in vitalem Drang die Serie von Athleten, Läufern, Boxern und die bedeutende Reihe von Porträts, Selbstporträts, die unlöslich mit ihrem Namen verbunden sind.

Was Renée Sintenis uns seitdem bedeutet, kann nicht mit ein paar Worten gesagt sein. Die Begeisterung eines nicht gerade allzu scharf blickenden Publikums hielt sich an das Sensuelle, verniedlichte die Werte der wundervollen Tierbronzen und übersah die geheimnisvoll dosierte Melancholie in den Bildnissen. Tatsache aber ist, daß für Renee Sintenis zwischen jenen beiden Welten, der des Menschen und der der Tiere, eine wohl kaum zu überbrückende Kluft vorhanden ist. Die Kluft, die sie meinen muß, ist alt, jahrhundertealt. Wie hat’s der greise Auguste Renoir, der ähnlich wie die Sintenis sein Paradies besaß, doch ausgedrückt? „Ils ont chassé, Dieu, et ils ont chasse le bonheur.“ Ja, daher stammt die Kluft, so alt ist sie. Und seitdem lebt der Homo sapiens in seiner eigenen Diaspora, und kein Weg führt herüber zur kreatürlichen Welt der anderen Geschöpfe. Doch wo das Tier lebt, wo es atmet, da ist Paradies, da ist der Segen, die Unschuld, die Seelenheimat. Kein Tier braucht zu den Unerlösten, zu den Belasteten zu gehören. Es kann tapsen, spielen, jagen, es darf stolz tun, süß sein, böse sein, es kann ruhen, dämmern, schlafen; denn alles, was es tut, geschieht aus Ungespaltensein, geschieht aus dem zarten Orgiasmus seines ungebrochenen Instinkts. Daß diese Moral der Sintenis – jeder Künstler äußert latent Moral – nicht verstanden wurde, ist ein tragisches Moment mehr in ihrem an feinen Qualen nicht gerade armen Leben. Hätte sie den Finger gehoben, geschulmeistert, hätte sie plakatiert, Tendenz gezeigt: ja, dann hätte auch der verwaschenste Blick bei ihr sehen gelernt. Aber – eigentlich unnötig, es zu sagen – wo wäre sie dann selber geblieben mit ihrem Werk?

Heute nun reicht uns ein gütiges Schicksal die Arbeiten der Sintenis entgegen, die in den toten Jahren ihrer Halbverfemung entstanden sind.

Die seelischen Gegebenheiten, das erkennen wir sofort, haben keine grundlegende Veränderung gegen früher erfahren. Die Diskrepanz zwischen Menschenwelt und der Welt der Kreatur, wie sie geschildert ist, besteht weiter. Besteht weiter, sage ich? Nein, nein, das Wort genügt nicht mehr. Riesengroß, höllengroß ist die Kluft geworden, und nichts führt herüber und hinüber. Doch: schenken wir uns das Sprechen, schauen wir in das Antlitz der Selbstporträt-Maske von 1944! Da sieht alles geschrieben, da ist sie, die Urverzweiflung, die Urtrauer um das verlorene, das geschändete Paradies, da ist das Urleid. Könnte einer die ungemessene Weite dieses Leides wirklich noch übersehen? Das Leid beginnt nicht, es hört nicht auf, es ist da. Um die Oberlippe ruht es in einer sanften, großen Hierarchie. In den Bezirk der Augen ist es, die Lider zu selbständigen Wesen heraustreibend, eingestorben. Die starken Backenknochen hält es umfaßt, die Nasenpartie hat es, wie bei Sterbenden, mit Fremdnis umspielt, Fleisch und Knochen hat es in geheimnisvoller Todeschemie voneinander abgelöst. Erschüttert wiederholt man sich: ja, 1944.

Aber wo bleiben die Anklagen in diesem Antlitz? Gibt es für eine Wissensqual von solchem Ausmaß wirklich keine Proteste? Wenn wir’s noch nicht wüßten, so würden wir hier, vor diesem Gesicht voll kosmischen Leides, belehrt, daß es in solchen Seelenhöhen, in Seelenhöhen, in denen die Vox coelestica miterklingt, keine Proteste mehr gibt. Was folgen kann, kann nur das Erlöste sein oder, besser gesagt, der Auferstehungstod ins Erlöste, Geduldige, ins ganz und gar Unschuldige hinein. Die Künstlerin