von Eberhard von Vietsch

„Was wird das für eine Ratlosigkeit geben hernach, wenn alle die gläubig hingenommenen Begriffe von den Sockeln, auf denen man sie ausgestellt hat, abgenommen sein werden, und die verwirrt Überlebenden an die verlassenen Gesetze des innersten Daseins sich wieder werde anschließen wollen. Kann‘s denn keiner hindern und aufhalten? Warum gibt es nicht ein paar, drei, fünf, zehn, die zusammenstehen und auf den Plätzen schreien: ,Genug!‘ und erschossen werden und wenigstens ihr Leben dafür gegeben haben, daß es genug sei, während die draußen jetzt nur noch untergehen, damit das Entsetzliche währe und währe und des Unterganges kein Absehen sei. Warum gibt es nicht einen, der es nicht mehr erträgt, nicht mehr ertragen mag, schrie er nur eine Nacht lang mitten in der unwahren, mit Fahnen verhängten Stadt, schrie und ließe sich nicht stillen, wer dürfte ihn deshalb Lügner nennen? Wie viele halten diesen Schrei mit Mühe zurück – oder nicht?“

10. Oktober 1915

„... wer in seinem eigenen Dasein sich jetzt größer, freier und menschlicher macht, der tut das Seinige zum Frieden – vor der Hand muß er noch nach innen gearbeitet werden, erst wenn einige ihn ganz groß in sich fertig haben, wird er sich zur Welt bringen lassen.“ 4. November 1917

„Es ist so begreiflich, daß die Menschen ungeduldig geworden sind, und doch, was tut jetzt mehr not als Geduld, Wunden brauchen Zeit und heilen nicht dadurch, daß man Fahnen in sie einpflanzt. Irgendwie anders muß die Welt in ein haltbares Bewußtsein eingehen, und vielleicht wird das erste, woran sie sich wiederfindet, ein ganz Unscheinbares, jedenfalls ein Unsägliches sein! Mir scheint das mindeste Aufbauen, das jeder einzelne an seiner Stelle versucht, der einfach wieder hobelude Tischler, der wieder hämmernde Schmied, der wieder rechnende und bedenkende Kaufmann: das sind die Fortschreitenden, das sind die reinen Revolutionäre, je mehr, je stiller und tätiger und werkliebender sie, jeder an seinem Platz, sich bemühen.“ 12. September 1979

Der Mann, der vor einem Menschenalter solches schrieb, hatte die Höllen unendlicher Hoffnungslosigkeiten durchquert. Fast leicht will uns nach den letzten Erlebnissen der erste große Krieg dieses Jahrhunderts anmuten. Druck und Last des Lebens aber werden nicht allein bestimmt durch äußere Ausmaße und materiellen Umfang. Sie erhalten ihr Gewicht durch Empfänglichkeit und Feingefühl des Leidenden. Dem abgestumpften Sinn der Zeit mag die unmenschliche Vernichtungskraft moderner Waffentechnik oft wenig eindrucksvoller sein, als einst den Vorfahren die Wirkungen eines Blitzschlages. Welches Empfinden wurde zu allen Zeiten schon berührt von den kleinen lässigen Verschiebungen, durch die das Menschliche im Alltag so häufig ins Unmenschliche entgleitet. Das Schicksal, die Süße, die Schwere, die Rätselhaftigkeit des Daseins erfährt sich von innen.

Dem Künstler Rilke war der Tod der vertrauteste Gefährte. Sein geistiges Dasein umkreiste den Tod. Es konnte ihn, wie auch Gott, nicht außerhalb des Lebens wahrnehmen. Unlöslich mußte der Tod in die Vorstellung des Lebens selbst gedacht werden. In dem Blühen eines Baumes blühte auch der Tod, der Acker war seiner voll und die Liebe. Das Leben bedeutete ja nichts anderes als fortgesetzte Verwandlung und ewiges Neuanfangen. Darum blieb der Mensch mit der Vernichtung „im Greifbarsten“ verwandt, darum konnte keine wirkliche Lebenserkenntnis und keine richtige Lebensführung sein, die nicht in einer Vertraulichkeit zum Tode ruhte, die nicht das Leben zum Tode hin offen hielt. Diese Weisheit hatte sich der Geist zu eigen zu machen, wenn nicht gar sich zu erkämpfen.