Daß Deutschland exportieren muß, um leben zu können, ist eine Binsenwahrheit, über die bei niemandem Zweifel besteht. Dagegen scheint es fast unmöglich, eine Einigung darüber zu erzielen, was ausgeführt werden soll. Die Franzosen bestehen auf Rohstoffen und meinen Kohle, weil das ihr wichtigster Einfuhrbedarf ist. Die Russen denken an Maschinen und Fertigwaren. Sie bauen wertvolle Anlagen aus, die der Erzeugung dienen könnten, aber auch Telegraphenkabel und Fernsprechgeräte, oder sie lassen die vorhandenen Vorräte in Fertigwaren umarbeiten und nehmen sie dann als Reparationen oder gar als Kriegsbeute in Besitz. Solange die endgültige Höhe der deutschen Wiedergutmachungszahlungen nicht festgelegt ist, bleibt der Unterschied zwischen diesen feinen Unterscheidungen sowieso gering.

Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus werden immer nur Arbeitsstunden ausgeführt. Da ist es von entscheidender Bedeutung, ob diese Arbeitsstunden voll ausgenutzt werden oder aus Mangel an Maschinen, die vorher weggeschafft wurden, oder in Form von Rohstoffen unzulänglich verwertet bleiben. Wenn die Zahl der Arbeitsstunden in Deutschland unbegrenzt vorhanden wäre, dann bliebe vielleicht noch das Rechenexempel, daß einfach die vielfache Zahl von Arbeitskräften angesetzt wird, um den denkbar schlechtesten Nutzen zu erzielen. In einer so eigenartigen und verwickelten Volkswirtschaft wie der deutschen führt jedoch jede Störung auf einem Gebiet nicht dazu, daß mehr Arbeitskräfte anderswo zur Verfügung stehen, sondern daß sehr schnell das gesamte Wirtschaftsleben stockt.

Wir brauchen nur die Nachrichten zu verfolgen, die aus der russischen Zone kommen, seitdem die Scheinerfolge der Sozialisierung und politischen Ankurbelung verflogen sind. Die Produktion läuft aus, da die Vorräte aufgezehrt, die Maschinen weggeschafft und die Arbeiter ohne Leitung sich um jeden Kredit gebracht haben. Die Zahl der Arbeitslosen in den großen Städten geht erschreckend hinauf, und der Export nimmt ab. Bedeutet jedoch der einseitige Export von Kohle statt Fertigwaren etwas anderes? Zwar wird die Henne, die die goldenen Eier der Reparationszahlungen legen soll, nicht geschlachtet, aber auch nicht gefüttert, und sie stirbt schließlich an Hunger ebenso wie unter dem Schlachtmesser. Nicht einmal die allerdringendste Einfuhr könnten wir mit Rohstoffen bezahlen, wenn wir keinen Fertigwarenexport mehr hätten. So bleiben wir Pensionisten der Besatzungsmächte, allerdings unter Lebensbedingungen, die tiefer liegen müssen als in irgendeinem kolonialen Rohstoffgebiet, denn dieses verfügt wenigstens über die Voraussetzungen, die allein seine Stellung rechtfertigen, die weiten dünnbesiedelten Flächen. Gleichzeitig fällt Deutschland als Abnehmer für die wirklichen Rohstoffländer aus und gefährdet dadurch die Weltwirtschaft. Aber das sind alles Weisheiten, die in jedem Buch über Volkswirtschaft nachzulesen sind. Es steht zu erwarten, daß die auf der Pariser Konferenz besprochene Zusammenkunft von Vertretern der Außenminister bei der Besprechung der deutschen Frage auch darüber beraten werden.