Die Außenminister der Siegermächte haben sich in Paris nicht einigen können. Sie sind auseinandergegangen, ohne die Grundlagen für die von der ganzen Welt so heiß ersehnte Friedenskonferenz gelegt zu haben. Nicht einmal über den endgültigen Tag des Beginns dieser Konferenz, die ursprünglich auf den 1. Mai anberaumt war, haben sie einen Beschluß, fassen können, sondern sind nur darüber einig geworden, daß sie sich am 15. Juni, noch einmal zusammenfinden wollen. Wird sich bis dahin das Gesicht der Welt verändert haben?

Eines ist sicher! Hunger und Elend werden zugenommen haben, ganz besonders in Mitteleuropa. Mögen sich manche Staatsmänner damit trösten, daß mit der nächsten Ernte eine wesentliche Erleichterung kommen wird; darin aber sind sich alle einig, daß in den Monaten bis dahin der Mangel an Getreide und anderen Lebensmitteln teilweise verheerende Formen annehmen wird. Der Vertreter Großbritanniens für Ernährungsfragen in USA, Herbert Morrison, der Lordpräsident des Geheimen Rates, erklärte im amerikanischen Rundfunk, daß in der britischen Zone Deutschlands die Vorräte an Brotgetreide und Nährmitteln nur bis zum 27. Mai reichen. Werden die Probleme, die aus dieser Tatsache erwachsen, wird die erdrückende Last verstärkter Hungersnot eine günstigere Vorbedingung für die Vorbereitung des Friedens sein?

Von Deutschland aus gesehen, erscheinen die einzelnen Punkte, über die bisher keine Einigung erzielt werden konnte, unbedeutend gegenüber der einen großen Aufgabe, einen dauernden, gerechten Frieden zu begründen, der auf der freien Willensäußerung der Bevölkerungen nach den Grundsätzen der Atlantikcharta aufgebaut, wird. Da die deutsche Frage nicht behandelt wurde, bei der die Anwendung der’Atlantikcharta ausgenommen wurde, sollte diese Aufgabe nicht so schwer zu lösen sein.

Es hat sich jedoch herausgestellt, daß durch die militärische Besetzung Mitteleuropas neue Probleme geschaffen wurden. Die Sowjetunion hat die Räumung Bulgariens durch ihre Truppen, die auf der Tagung der Außenminister in London bereits verabredet worden war, neuerdings von der Räumung Italiens durch die alliierten Truppen abhängig gemacht, und diese Bedingung steht im Widerspruch zum Wunsch der Engländer, ihre Truppen in Österreich über gesicherte Zufuhrwege zu versorgen.

Die alte Grenze zwischen Rumänien und Ungarn wurde durch Aufhebung des Wiener Schiedsspruchs von 1940 wiederhergestellt, daß Siebenbürgen wieder an Rumänien zurückfiel, aber damit wurde nur eine Gewaltlösung rückgängig gemacht, nicht grundsätzlich durchgesetzt, daß alle Gewaltlösungen durch freie Volksbefragung nachgeprüft werden sollen. Weder über Triest noch über Tripolitanien herrscht eine einmütige Auffassung unter den Verbündeten, nicht einmal über die grundsätzliche Einstellung, welche Gesichtspunkte für die endgültige Regelung maßgebend sein sollen. Kann sich das in den nächsten vier Wochen ändern?

Bis dahin werden Verhandlungen hinter den Kulissen geführt werden. Fragen werden dort aufgeworfen, die das Licht der großen öffentlichen Verhandlungen nicht vertragen. Soll das heißen, daß Kompromisse gesucht werden, indem ein Zugeständnis hier durch ein Entgegenkommen dort aufgewogen wird? Das könnte dazu führen, daß die klaren, unbestechlichen Grundsätze der Vereinten Nationen, das Recht aller Menschen auf die vier Freiheiten, die einst Roosevelt postulierte, mißachtet würden. Das könnte auf Kosten der Zukunft des deutschen Volkes geschehen.

Auch die deutsche Frage stand in Paris zur Aussprache, Sie ist allerdings nicht einmal so weit gediehen, daß alle beteiligten Staaten ihre Einstellung mit klarer Begründung ihren Bundesgenossen mitgeteilt hätten. Der französische Außenminister überreichte einen Plan, der die Besetzung des linken Rheinufers für Zeit und Ewigkeit festlegen wollte, als ob nicht bisher in der Geschichte jeder, auch noch so kurz befristeter Besatzungsplan vor dem Ablauf seiner Fristen von der Besatzungsmacht selbst preisgegeben wurde, weil die finanziellen Schwierigkeiten durch die Kosten und die seelische Beanspruchung durch die der Heimat ferngehaltenen Truppen ihn immer wieder zum Widersinn verwandelten. Und diesmal soll die Aufgabe der Besatzung noch dadurch erschwert werden, daß Sie fünf Mächten anvertraut wird, Briten, Franzosen, Holländern, Belgiern und Luxemburgern.