Die Sommersemester der deutschen Universitäten haben begonnen – und begonnen hat der Strom der jungen Menschen durch unsere Redaktionsstube, denen das Studium verweigert wurde, sei es wegen irgendeiner unwesentlichen „Belastung“ aus der Vergangenheit, sei es weil angeblich kein Platz mehr frei ist, sei es unter irgendeinem anderen fadenscheinigen Vorwand. Sie werden wieder einmal vertröstet auf das nächste Semester im kommenden Winter. Sie kommen zu uns ohne Verbitterung, ja ohne Vorwurf, getrieben nur von der einen bangen Sorge: Was sollen wir tun? Manchmal erscheint es uns, daß wir diese Frage nicht länger ertragen können, daß die Scham uns überwältigen müßte.

Sechs Jahre haben wir unsere Jugend hinausgeschickt in den Krieg. Sie hat dort gekämpft, gelitten und geblutet, und wir haben mit großen Worten versprochen, daß der Dank des Vaterlandes ihr sicher sei. Selbst die Mädchen haben wir in Uniform gesteckt und den Unbilden der Kriegszeit ausgesetzt. Dann kam der große Tag, da die jungen Menschen nach Hause durften, und wieder haben wir sie ein Jahr vertröstet. Die Gebäude seien nicht instand gesetzt, vernichtet durch einen Wahnsinn, an dem nicht sie, sondern nur wir schuld waren. Jetzt ist ein ganzes Jahr verstrichen, und wir stehen da mit den gleichen, feigen Worten: Warten, warten...

Haben wir alles, getan, was in unseren Kräften stand? Oder haben wir in kleiner Selbstbeschränkung nur an uns gedacht, an unsere täglichen Sorgen, und uns mit abgegriffenen Phrasen über unser völliges Versagen hinwegzutäuschen versucht, mit Worten vom „Geistesproletariat“, das nicht gezüchtet werden dürfe, mit dem Lob des Handwerks und der Handarbeit? Nicht einmal betteln gehen haben wir diejenigen lassen, die nach dem Geiste hungerten, denn wo sollten sie auch versuchen, sich selbst ein wenig Wissen zusammenzukratzen, da die Bibliotheken vielfach zerstört und an den anderen die Anzeige prangt, daß Neuzulassungen nicht angenommen werden.

Wie anders wurden wir behandelt, als wir nach dem ersten Weltkrieg zum Studium drängten! Wie taten sich da die Pforten des Wissens auf, weit, bedingungslos, in schrankenloser Offenheit! Die Jahrhunderte des Schaffens und Gestaltens unseres Volkes, der Schatz der Früchte des menschlichen Geistes stand uns zur Verfügung, aber wie haben wir das Erbe vergeudet und vertan! Und jetzt verweigern wir der heranwachsenden Jugend das kleine bißchen, was wir zu retten vermochten. Gehörte das Erbe der Vergangenheit so einseitig uns, daß wir mit der engherzigen Selbstsucht des Geizhalses es den kommenden Geschlechtern versagen dürften?

Niemand wollte bestreiten, daß die äußeren Bedingungen hart und schwer sind, aber sind sie nicht für die Jugend noch härter und schwerer als für die, die berufen wären ihr zu helfen? Wer die innere Verpflichtung dazu nicht in sich spürt, dem wird es kaum verständlich zu machen sein, welchen Frevel er durch Nichterfüllung, durch Formelkram, durch Parteipolitik und kleinliches Mißtrauen begeht. Wir verstehen nicht, wie die alten Männer schlafen können, die in den Ausschüssen und Kommissionen sitzen, die den Beginn des Studiums verzögern, wenn sie daran denken, daß vor den von ihnen verschlossenen Toren in Nacht und Wind junge Menschen stehen, die sich nach dem Licht und der Wärme geistiger Arbeit sehnen! Aber manchmal scheint es fast, als ob die Studenten verfemt seien, als ob wir unser Schuldgefühl auf sie verlagert hätten.

Den jungen Menschen, die mehr oder minder gezwungen dem Studentenbund angehörten, ist das Wahlrecht verweigert worden, als ob damit die irregeführte, betrogene und im Stich gelassene Jugend gebrandmarkt würde und nicht die Wahl, die der Stimmen dieser einzigartigen Jugend beraubt wurde! Und dann wundern sich manche Parteien, daß die Jugend abseits steht, fassunglos, aufs tiefste getroffen. Wir haben ihr äußeres Erbe, auf das sie einen Anspruch gehabt, vertan. Das muß sie selbst wieder aufbauen; aber daß wir ihnen die innere Kraft zu rauben suchen, die allein aus dem Geiste erwachsen kann, das ist eine Schuld, die nicht zu verzeihen ist. Denn wir wissen, was wir tun!