Im Anschluß an Vorwürfe gegen hohe Offiziere, die auch in unserer Zeitung ihren Niederschlag gefunden hatten, schreibt uns ein Leser zur Ehrenrettung des Offizierstandes,

Bei Um- und Zusammenbrüchen ereignet sich immer das gleiche: Die Träger einer oft durch Jahrhunderte anerkannten und geachteten Institution werden durch neu erfundene Gesetze plötzlich zu Verbrechern gestempelt. So ging es nach 1933 dem Adel (die „Blaublütigen“ von Robert Ley), der Geistlichkeit, den Freimaurern, den Juden. Heute sind es die Berufsoffiziere, die als „Militaristen“ diffamiert werden.

Genau wie nach dem verlorenen Kriege 1914–18 erfolgt jetzt – diesmal aber noch in weit stärkerem Umfange – diese Diffamierung des aktiven Soldaten und Berufsoffiziers. Weiteste Kreise des deutschen Volkes scheinen vergessen zu haben, daß der Offizierberuf in Deutschland seit langem kein Standesprivileg mehr war und daß, sowohl vor 1939 als auch während des Krieges, die deutsche Jugend aus allen Bevölkerungsschichten sich zur Annahme als Offizieranwärter in der Wehrmacht drängte, so daß bei weitem nicht alle Gesuche berücksichtigt werden konnten.

Dabei war es nicht so, wie „Die Neue Zeitung“ am 11. 3. 46 schrieb, daß-diese jungen Deutschen sich diesen Beruf wählten, „um Soldat zu spielen und die den Krieg gewünscht haben, um sich im Krieg besonders zeigen und auszeichnen zu können, was sie als Soldaten im Töten leisten können“, – sondern der gesunde, begeisterungsfähige junge deutsche Mensch strebte den Offizierberuf als solchen an, und erfüllte zum größten Teil gern seine aktive Wehrpflicht, weil in ihm ein hohes Pflichtgefühl und echte Vaterlandsliebe vorhanden waren. Er wußte, daß er in eine Männergemeinschaft und Kameradschaft hineinwuchs, die ihm, abgesehen vom Erlernen des Waffenhandwerks zur Verteidigung seines Vaterlandes, eine besonders gute Schule für das Leben bot.

Es ist nicht zu verstehen, warum die soldatischen Tugenden mit einmal nur in Deutschland „verbrecherischen Neigungen“ gleichgestellt und abgelehnt werden, während in allen anderen Ländern der Welt der Soldat und der Offizier sich nach wie vor seines Ansehens erfreut. Selbst in den alten Demokratien gibt es den Berufsoffizier als angesehenen und notwendigen Stand. Seine Aufgabe ist die gleiche wie sie die des deutschen Offiziers war: das Vaterland zu verteidigen und in Friedenszeiten die notwendigen und von allen Völkern anerkannten Voraussetzungen dazu zu schaffen. Das hat mit „Militarismus“ gar nichts zu tun!

Der aktive – der Berufsoffizier „spielte“ nicht Soldat, sondern lebte in der Verpflichtung für seine ihm anvertrauten Männer und versuchte sie zu aufrechten, innerlich sauberen, bescheidenen Deutschen mit Gottvertrauen, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Selbstverleugnung, Ehrfurcht und Opfermut zu erziehen, ihren Charakter und ihre Persönlichkeit zu formen, damit sie sich im Leben bewähren konnten.

Jetzt für den Berufsoffizier eine Kollektivschuld an dem unglücklichen Ausgang des Krieges zu konstruieren, bedeutet nur die Fortsetzung der Parole der früheren NSDAP, von 1944, die die Wehrmacht schon für den Einbruch des Feindes auf deutschen Boden verantwortlich machen wollte. Gewiß sollen Pflichtvergessene, schuldige Offiziere zur Verantwortung gezogen werden, wie auch diejenigen, die sich in der sich überschlagenden und urteilslosen blinden Gefolgschaft der NSDAP, ergingen. Es darf aber nicht veigessen werden, daß in den Jahren 1938-1945 nicht weniger als 55 Generalfeldmarschälle, Generalobersten und Armeeführer aus ihren Stellungen entfernt wurden, weil sie Adolf Hitler widersprochen oder ihre eigene Meinung vertreten hatten. Der Offizier könnte die wahren Absichten der militärischen und Staatsführung weder vor noch nach 1939 ebensowenig durchschauen wie die überwiegende Mehrzahl des deutschen Volkes, deswegen, kann man gegen niemanden einen-Vorwurf erheben. Es sind im übrigen viele Deutsche als Berufssoldaten zur Wehrmacht gegangen, die bis Kriegsbeginn die einzige noch parteifreie Säule im Staate war, mit der ausdrücklichen Absicht, sich den Parteieinflüssen zu entziehen. Daher auch das Mißtrauen der NS.-Führung und der Partei gegen alles, was Offizier war. Die Aushöhlung ist erst später im Kriege erfolgt. Es war den meisten Berufsoffizieren nicht möglich, einen „Zweifrontenkrieg“ zu führen, gegen den äußeren Feind und gegen die Partei, die alle Mittel – bis zum Erhängen – benutzte, um die Offiziere sich gefügig zu machen.

Nachdem das deutsche Volk zwölf Jahre der Rechtlosigkeit, so viele Verbrechen und Ungerechtigkeiten – ohne Möglichkeit der Abhilfe durch den einzelnen – über sich hat ergehen lassen müssen, sollte man jetzt vermeiden, einen ganzen Berufsstand zu diffamieren, moralisch zu isolieren, ohne Arbeits- und Lebensmöglichkeit zu lassen und so praktisch vom Neuaufbau des Reiches auszuschließen. Bernhard Rogge, Schleswig