Von Hans-Erich Nossack

Es handelt sich nicht um eine Geschichte, sondern um ein Bild des Malers Rudolf Caspar Neher, das gerade erst fertig geworden war, als ich ihn besuchte. Während wir über die Möglichkeiten sprachen, die uns in dieser zerstörten Stadt blieben, welche nur darüber zu jammern wußte, daß für dies und das keine Genehmigung zu erhalten wäre, statt das zu tun, was keiner Genehmigung bedarf, und die nichts als Abwarten predigte – ja, wir haben uns darüber einig, daß wir uns unbeschadet unserer zählbaren Jahre zu den Jungen zu rechnen hätten, und zwar mit voller Verantwortlichkeit, solange keine Jüngeren auftraten, die an der erschöpften Haltung der heutigen Menschen vorbei in die Zukunft schritten – währenddessen fiel mein Blick wieder und wieder auf dies Bild, das mir gegenüber im Halbdunkel an der Wand hing.

Zunächst: wie selten geschieht es, daß uns der Vorwurf eines Bildes so tief anrührt, daß wir gezwungen sind, uns wochenlang damit auseinanderzusetzen. Seit hundert Jahren oder mehr hört man, wenn die Malerei zur Diskussion steht, nur von Farben, Tinten Pinselstrich, Komposition und andern Fachausdrücken reden. Der Gegenstand eines Werkes scheint danach völlig nebensächlich und bestenfalls ein Mittel zu dem Zwecke zu sein, das handwerkliche Können eines Künstlers und die Tendenzen seiner Schule zum Ausdruck zu bringen. Seltsamerweise wird gerade diese Mißachtung des Objekts als höchste Objektivität gepriesen. Dabei, so behaupte ich, gehört doch nicht viel dazu, um festzustellen, daß es dem unbelasteten Beschauer und Liebhaber eines Bildes zuerst und vor allem auf das Motiv ankommt; das Wie der Darstellung nimmt er als stillschweigende Voraussetzung. Und zweitens: daß ein armseliges Motiv durch reiches malerisches Können wohl überraschend dargestellt, aber an sich niemals bereichert werden kann. Die Sprache allein tut es nicht, man muß auch etwas zu sagen haben. Sollte sich nicht vielleicht aus diesem einseitigen Herausstreichen von Werkstattgeheimnissen auf Erfindungsarmut und Unfruchtbarkeit schließen lassen, oder um ein anderes Wort zu gebrauchen, auf Mangel an Persönlichkeit? Wie dem auch sei, was den Tod des Pegasus angeht, so bin ich über den Vorwurf bis heute noch nicht dazu gekommen, an die technische Seite der Darstellung zu denken, und meine Meinung ist es, dieses dürfte wohl eher für die Technik sprechen als dagegen.

Das Erschreckende des Bildes ist die grausame Kahlheit, in der es gemalt ist. Der Vorgang spielt ganz ohne Landschaft und Hintergrund vor einer Mauerbrüstung, die links mit einem ausgestorbenen Flachhause abschließt, von dessen Balkon die letzte Tragödin einen hysterischen Schrei in den leeren Nachthimmel ausstößt. Über den nackten Hof vor der Mauer, oder-sagen wir ruhig: über die Bühne zerrt ein Clown das geflügelte Roß, um es dem Kunstschützen schußgerecht vorzuführen, der im Zylinder und Abendmantel uns den Rücken zukehrend das Gewehr angeschlagen hält Der Schuß kann jeden Augenblick fallen. Es herrscht eine künstliche Stille, um die Spannung des Publikums zu erhöhen; das Kläffen eines Hündchens und der ferne Schrei der Tragödin unterstreichen dieses nur. Neben dem Clown deutet eine unechte Muse mit fader tänzerischer Geste an, daß es sich um ein betrübliches Ereignis handelt; wir könnten sonst zur Unzeit lachen und die akrobatische Leistung stören. Alles dieses nun liegt in erbarmungslos nüchternem Scheinwerferlicht; wederder phantastische Vorgang noch der bunte Aufputz der Handelnden täuschen über das Geschäftsmäßige hinweg. Doch im Vordergrunde, außerhalb dieser Grellheit in eigener wirklicher Beleuchtung und daher zunächst dunkel anmutend, hockt der Dichter, das Haupt lose auf die Hand gestützt, die den Griffel hält, und den Blick in sich gekehrt. Ihm zu Füßen aber schmiegt sich in aphrodisischer Nacktheit sein Gedicht – oder sollte ich besser sagen: das Gedicht? – und genießt in seinem Schatten lässig die eigene Vollkommenheit.

Eine Allegorie, gewiß, doch warum auch nicht. Ich weiß nicht, seit wann es als verpönt gilt, Allegorien zu malen, aber ich weiß, daß die Mehrzahl der Bilder, die wir heute zu sehen bekommen, zu wenig allegorisches Schwergewicht haben, um mehr als eine flüchtige Stimmung zu vermitteln. Dieses Bild ist nun einmal da, und es fragt sich, was es uns zu sagen hat. Es könnte auch heißen: Was es uns sagen will, aber es gehört zu seinen Vorzügen, daß es ohne Haß und Absicht, ohne lehrerhaften Hinweis und Anklage ganz einfach ausspricht: So ist es, ihr Menschen. Ich nehme sogar an, daß der ursprüngliche Gedanke während seiner Übersetzung ins Bildhafte bereits Eigenleben gewann und mehr aussagt, als dem Maler bewußt ist. Das würde für die Echtheit des Gedankens zeugen.

Und auf diese heimliche Aussage lohnt es zu lauschen; denn das grell Beleuchtete des Bildes bedarf keiner Deutung. Ob nun der Name eines Virtuosen in Riesenlettern uns anlocken soll, während das, was er bietet, kaum mit der Lupe zu entziffern ist, oder ob ein Plakat mit den sentimentalen Worten „Goethe, der Liebende“ für einen Rezitationsabend wirbt; ob, weil eine Kunstart allein nicht mehr aussreicht, die Menge zu fesseln, neuerdings versucht wird, Verse mit Musikbegleitung vorzutragen oder ob Werke und Botschaften der Vorfahren immer wieder anders gewendet werden, bis sie für den politischen Zweck des Tages geeignet erscheinen – das alles ist nur Geschäftemachern, und es lohnte nicht, deshalb ein Bild zu malen. Kein Zweifel, wenn auch dieses eines Tages zur Unterhaltung nicht mehr genügen sollte, wird man den Pegasus selbst auf die Bühne zerren. Seht doch, womit sich unsere Eltern belustigten, wird der Ansager dem Publikum erklären, und welch altmodische Sprünge das Tier in seiner Todesangst macht. Und der Beifall wird nicht enden wollen. Hat man es nicht schon getan, als man Kunst und Künstler ehrfurchtslos und vor aller Öffentlichkeit auf den psychologischen Seziertisch legte und falsche Lehrer, in ein wissenschaftliches Mäntelchen gehüllt, sich daran zur Geltung zu bringen versuchten? Auch das war nur ein Geschäft, und es muß ein sehr gutes gewesen sein.

Wohin das führt, spricht eine Aquarellskizze Nehers kraß aus. Auf einem armseligen Inselchen mitten im Weltmeer liegen ein paar Knochenreste. Nichts sonst. Und Forscher, die von anderen Gestirnen auf diesen verödeten Erdball, der so viel von sich reden gemacht hat, kämen, dürften ihren Leuten in gelehrten Büchern erklären: Es handelt sich um den Kieferknochen des Apoll und den Beckenknochen der Aphrodite. Doch selbst dieser nihilistische Gedanke, der mir so peinlich war, daß ich den Maler bat, ihn nicht auszuführen, ist in ein so warmes urtümliches Blau getaucht, daß man jeden Augenblick die Stimme Apolls zu hören und die Schaumgeborene hervortreten zu sehen meint. Ich wollte den Maler auf diesen Widerspruch hinweisen, statt dessen aber rief ich den Dichter, auf dem allegorischen Bilde mit zornigen Worten an: „Blick dich doch um! Während du Verse schreibst, ermorden sie hinter deinem Rücken die Kunst. Auf und zu den Waffen gegriffen! Jetzt ist’s nicht Zeit zu dichten und zu träumen.“