Von Jan Molitor

Im Garten eines halbzerstörten Hauses werkt ein Mann in Hemdärmeln. Er scheint zufrieden. Nach einer milden Regennacht strahlt die Sonne. Und man glaubt, dem Gemüse zusehen zu können, wie es wächst. Was aber ist dem Haus passiert? Eine Bombe? Ein Brand? – "Nee, die Polen!", sagt der Mann in Hemdärmeln. "Die Polen von Bardowick ..."

In den klaren Frühlingshimmel ragen spitz und dennoch bäurisch gedrungen die beiden Domtürme. "Was glauben Sie", sagt der Mann in Hemdärmeln und klemmt den Griff seines Gartenrechens in die linke Achselhöhle, "was glauben Sie, wie wir zu diesen Türmen hinübergeblickt haben, viele, viele Monate lang! Die Augen sind uns heiß und feucht geworden. Am Pfingstsonntag mußten wir raus. Ende März durften wir wieder rein. Zehn und einen halben Monat guckten wir uns die Augen nach den Domtürmen aus. So lange war Bardowick Wohnstatt für die Polen..."

"Na, sehen Sie! Und jetzt sind Sie rechtzeitig zur Frühjahrsbestellung doch wieder heimgekommen!"

Der Mann wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sein zerfurchtes Gesicht sieht plötzlich beklommen und ganz verzagt drein. "Aber das Haus", sagt er, "mein Haus! Es muß doch etwas damit geschehen! Es war früher ein Spezereiladen. Hier ist auch noch die Schrift an der Wand..."

An der Schrift ist nichts Besonderes. Sie steht am Eingang des zerstörten Hauses und heißt: "Inhaber Gustav Mey." Möglich, daß die Inschrift durch ihr Alter eine gewisse Bedeutung hat. Aber in Bardowick, dem Marktflecken bei Lüneburg, der einst die berühmte Stadt Heinrichs des Löwen war – nächst Trier auch die älteste deutsche Stadt, wie man weiß –, hier scheint alles alt, würdig und behäbigbedeutungsvoll, sogar die kleinste Inschrift an einer demolierten Wand.

"Wenn man Holz bekäme", so beginnt der Mann von neuem, "so könnte man das Haus wohl wieder in Ordnung bringen. Aber wo gibt es Holz? Das werden sich die Polen auch gesagt haben, als sie die Herren von Bardowick waren." Der Mann im Garten lacht ein bißchen; er würde vielleicht hell auflachen, wenn der Scherz nicht auf seine eigenen Kosten ginge. "Die Polen in meinem Hause", sagte er, "nahmen einfach, als es kalt in Bardowick