Von Herbert Scheffler

Zum Abschluß der „Woche der Dichtung“, die in Hamburg stattfand, entwickelte Herbert Scheffler Gedanken über die aufrichtende Bedeutung der Kunst, die wir im Wortlaut seines Vortrages in der „Zeit“ veröffentlichen.

Wie ein heftiger Lärm nicht eine Stille, sondern eine Leere hinterläßt, ein Zusammensinken der über das Maß der Erträglichkeit gespannten Nerven, so wird auch der Zustand, der den ungeheuerlichen Zumutungen dieses zweiten Weltkrieges folgt, noch nicht mit dem Positivum „Frieden“ bezeichnet werden dürfen, sondern höchstens mit dem Negativum „Nicht mehr Krieg“. Wir leben in einem Vakuum, und es ist kein Zweifel, daß manchem von uns, der sich mit seiner ganzen Konstitution (gut- oder widerwillig) auf das Leben unter dem Krieg eingestellt hatte, der augenblickliche Zustand atembeklemmender ist als Jede bisherige Bedrohung. Auch demjenigen Deutschen der das Ende dieses Krieges mit allen seinen schon lange unabwendbaren Konsequenzen herbeigewünscht hatte, bleibt nun der Atem stehen, die Lungen ringen nach Luft, das Herz kann den Zustrom des rasend umgetriebenen Blutes nicht bewältigen. Die Begnadigung dieses Friedens ist, durch unsere eigene Schuld, eine Begnadigung unter dem Fallbeil geworden.

Ob unsere Natur stark genug sein wird, ein so geschenktes Leben nicht nur vegetativ weiterzuführen. sondern es moralisch und geistig wieder emporzuführen – wer vermag das heute zu sagen! Niemals sind wir auf einem niedrigeren Ausgangspunkt zurückgeschleudert worden, niemals ist der Boden jeder kulturellen Voraussetzung gefährlicher unter unseren Füßen gewichen als eben jetzt. Wir sind nicht mehr, was wir waren, wir wissen noch nicht, was wir in Zukunft werden könnten. Der Blick, der sich vom Abgrund des Krieges weggewendet hat, stürzt schwindelnd in den Abgrund des Friedens, der ebenso tief, ebenso dunkel, ebenso hoffnungslos erscheinen muß wie jener.

In einem solchen Zustand äußerster Verlorenheit von Kultur, von Kunst zu sprechen, erscheint widersinnig. Denn haben wir nicht immer gehört und es uns sagen lassen, daß Kunst und Kultur nur dann gedeihen könnten, wenn das Leben einen gewissen Zustand der Fülle, der überschüssigen Kraft erreicht habe? Ist bei uns nicht seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, insbesondere aber seit den Gründerjahren die Ansicht herrschend geworden, Kunst und Kultur seien luxurelle Erscheinungen eines gesättigten Lebens? Wir bewunderten den verarmten Rembrandt, den ertaubten Beethoven, den mit den Dämonen des Wahnsinns singenden Vincent van Gogh, aber wir hielten sie ans mit dieser Bewunderung als Ausnahmeerscheinungen vom Leibe Der unbedingte Künstlermensch war kein Maßstab, sondern eine Anomalie.

Der erste Weltkrieg schon stellte diesen Normalvertrag mit den Mächten des Lebens gefährlich in Frage. Der Boden unter unseren Füßen, den wir für unerschütterlich und fest gegründet gehalten hatten, brach ein, und wir versanken in Abgründen, die wir längst vergessen hatten. Aber noch gab es Halteseile, die sich diesem und jenem wie von selbst in die Hände spielten: Religiosität, Humanität Beseelung und Beseligung durch die Kunst. Es waren das keine Prinzipien wie die Grundbegriffe der Französischen Revolution: Egalité, fraternité und liberté, sondern Grundhaltungen dem Leben gegenüber, die aus der Vergangenheit herangewachsen und also stark genug waren, aus dem Abgrund heraus oder über den Abgrund hinüberzuführen. Und daher war es möglich, daß der erste Weltkrieg kein eigentliches Vakuum hinterließ, keine entseelte Leere, sondern ein vertieftes Fragen, ein unbändiges Suchen nach der Herkunft und Hinkunft unseres Lebens. Es war die Geburtsstunde einer neuen Gottsuche, die wir vielleicht Pandämonismus nennen dürfen, einer neuen Menschheitssuche. die man etwas dürftig als Kommunismus bezeichnete, einer neuen Kunstsuche, die wir in Anlehnung an Stilrichtungen vergangener Jahrhunderte Expressionismus tauften.

Ganz anders hat uns der zweite Weltkrieg entlassen: als zwiefach, von der inneren Knechtschaft des Regimes und der äußeren Knechtschaft des Krieges Geschlagene, als ein Volk, das sein ihm oft und oft gepredigtes Evangelium der Auserwähltheit vertauscht sieht mit dem Odium der Weltschuld, als Menschen, die aus dem dröhnenden Gleichschritt eines Jahrzehnts allzu plötzlich entlassen wurden in den Einzelschritt der Selbstverantwortung. Die Halteseile der Religiosität, der Humanität und einer freien Kunst, die uns nach dem ersten Weltkrieg eine Rückkehr in den Frieden erlaubten, sind durch die Machthaber des Dritten Reiches gekappt worden, weil sie uns deso fester an die Leitideen ihres Staates binden wollten. Wir sind nicht Suchende mehr, sondern Taumelnde, nicht die fernen Horizonte sind es, die unsere Blicke abtasten nach neuen Möglichkeiten des Lebens, sondern der allernächste Schritt ist es, der unsere Blicke zu Boden zwingt