Von Hanns-Erich Haack

Was in der deutschen Außenpolitik von jeher als die Sünde wider den Geist der Wilhelmstraße von allen „Zünftigen“ angesehen und bekämpft wurde, das hat Frankreich zu manchem Erfolge geführt: der Außenseiter. Es sei hier nur an François-Poncet erinnert, der als Botschafter in den Quai d’Orsay übernommen und einer der scharfsinnigsten Gegenspieler jener Kräfte in Deutschland wurde, die die Welt in Aufruhr und sich selbst ins Verderben stürzten. Ein zweites war in der Wilhelmstraße genau so verpönt, es im Außenministerium an der Seine anerkannt wurde: literarische, ja dichterische Neigungen und Erfolge. In Deutschland haben nach dem ersten Weltkriege Dichter wie Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Johannes R. Becher und viele andere zwar auch die Situation klar übersehen und die richtigen Folgerungen gezogen – aber sie wurden in ihrem Lande am wenigsten in der Wilhelmstraße ernst genommen.

In Frankreich hat ein so bedeutender Literat und Bibliophile wie Philippe Berthelot die Kontinuierlichkeit der französischen Außenpolitik gegen alle parlamentarischen Strömungen fast zwei Jahrzehnte gewahrt, und Dichter wie Paul Morand, Jean Giraudoux und Paul Claudel haben in allen möglichen diplomatischen Funktionen viel zum Ruhm und Ansehen des Quai d’Orsay beigetragen.

Wenn auf diese Weise die Außenpolitik manchmal etwas von dem Schwung und dem Seherischen der Dichter zu spüren bekam, so blieben die Realitäten der internationalen Diplomatie auch nicht ohne Rückwirkungen auf das Schaffen der Dichter und Schriftsteller. Ohne die Erfahrung in politischem Denken und den damit verbundenen Blick hinter die Kulissen, hätte Jean Giraudoux in seinem Roman „Bella“ nicht die provinzielle Enge eines Poincaré mit so scharfer Ironie und so gültigen Formulierungen umreißen können. Auf sein diplomatisches Metier mag auch seine Resignation zurückzuführen sein, die sich seiner schönen Sprache, seinen Sätzen, die wie Maximen auftreten, und seinem Geist zugesellt, um sich in dem Stück „Der Trojanische Krieg wird nicht stattfinden“ eben mit dem Krieg auseinanderzusetzen – der natürlich doch stattfindet.

Wollte man an dem ironischen Ton des 1934 geschriebenen Bühnenstückes, das zurzeit mehrere deutsche Aufführungen erlebt, vorbeisehen, dann wäre es eine fast nihilistische Abhandlung, aber die Ironie wandelt das Stück ins Gegenteil, und es wird so zu einer Auflehnung gegen das älteste und schrecklichste Leiden der Menschen – den Krieg.

Kassandra weiß um den neuen Krieg, aber nicht auf Grund einer Eingebung, sondern lediglich weil sie die Welt kennt: „Ich halte mich einfach an zwei Dummheiten, die der Menschen und die der Dinge.“ Scheinbar ist alles schicksalhaft: „Beim Herannahen eines Krieges sondern alle Geschöpfe einen neuen Schweiß ab, alle Ereignisse überziehen sich mit einem neuen Lack: Lüge genannt!“ Als Hektor Paris fragt, ob er denn gar nicht daran denke, sein Abenteuer mit Helena aufzugeben, um seinem Volk einen neuen Krieg und neue Opfer zu ersparen, da erhält er die tiefgründige Antwort: „Was soll ich schon dazu sagen! Mein Fall ist international.“-Nicht die eigentlich natürlichen Feinde dieser Welt kämpfen miteinander. Die miteinander kämpfen, das sind jene, die das Schicksal für ein und denselben Krieg herausgeputzt und vorbereitet hat: das sind die Gegner.“ Am besten haben es die gegnerischen Generale, die für ihr Metier leben und sich unter sich wie Mitglieder einer internationalen Berufsliga vertragen: „Eine Stunde vor Kriegsausbruch unterhalten wir uns genau so, wie wir es längere Zeit später als ehemalige Frontkämpfer tun werden. Wir versöhnen uns sogar schon vor dem Kampf – es ist immer das gleiche.“

Der damals offensichtlich übliche Alkoholrausch vor dem Kampfe soll durch einen moralischen Rausch, den die Dichter der Truppe einflößen wollen, wirksamer werden. „Da das Alter uns vom Kampfe fernhält, machen wir uns wenigstens dadurch verdient, daß wir ihn erbarmungslos gestalten“ läßt die senile Geilheit den Präsidenten der Dichterkammer, Demokos, sagen, nachdem Hekuba richtig erkannt hatte: „Kaum ist der Krieg erklärt, dann ist es unmöglich, die Dichter noch aufzuhalten. Der Reim ist noch immer der beste Trommler.“ Sicherlich haben sie auch damals behauptet, nur aus einer Zwangslage heraus ihre Strophen geschrieben zu haben. Erfrischend ist es, wie Andromache der alten Phrase, daß es nichts Schöneres gebe, als fürs Vaterland zu sterben, mit den nüchternen Worten begegnet: „Man stirbt immer für sein Land! Auch wenn man in ihm nur würdig, tätig und verständig gelebt hat.“ Sie spinnt den Gedanken weiter aus: „Was ist feiger? Den anderen feige zu erscheinen und den Frieden zu sichern, oder vor sich selbst feige zu sein und den Krieg zu provozieren?“