Essen, im Mai

Das Eisen, über dem die erhitzte Luft des Maitages flimmert, ist der Schrott von Trümmern. Ineinander verkeilt, rostig und verbogen, dicht wie ein metallener Dschungel, dehnen sich, so weit das Auge reicht, die Reste gewaltiger Montagehallen, zerschmetterter Eisenträger, zerstörter Maschinen, eingestürzte! Hallendächer. Das Strahlende dieses Frühlingstages macht das Grauen noch spürbarer, das von dieser Vollständigkeit der Verwüstung ausgeht. Fast ist es, als verwandele sich noch einmal die tödliche Stille dieses Trümmenfeldes in das satanische Nie der rauschen der schweren Bombenteppiche, die alle diese Arbeitsstätten, zu Fetzen zersprengten. Die Reise durch Rhein- und Ruhrgebiet, die mit Köln, Solingen, Remscheid, Düsseldorf oder Gelsenkirchen das Panorama zerstörter westdeutscher Städte wie die Stationen eines Danteschen Purgatoriums vorüberziehen läßt, mündet in Essen ins Inferno mit den zerstörten Kruppschen Werken, als Höhepunkt. Wenn je an einer Stelle die Vollständigkeit unseres nationalen Zusammenbruchs, die Zerstörung des Lebenswerks von Generationen, die Lähmung der Arbeitsmöglichkeiten der heute Lebenden und die ganze Düsterkeit des deutschen Schicksals in einem Bilde zusammengedrängt waren, so im Anblick der Trümmer von Krupp, deren Sinnbildhaftigkeit den Betrachter betroffen macht. Hier, wo die Gewaltigkeit der Dimensionen noch in der Zerstörung die Größe des einst Geschaffenen, die Energie der entfalteten Arbeit und die weltweite Geltung dieses industriellen Zentrums verraten, ist der Gegensatz des glänzenden Gestern zum düsteren Heute auf seine Spitze getrieben. Hier auch stellt sich infolgedessen am schärfsten die Frage nach dem Morgen.

Das Dunkel, das über diesem Morgen liegt, ist so vollständig, wie die Trümmer es sind, in denen das Gestern versank Damit aber entsteht der eigentliche Feind des Heute an der Ruhr: die Ungewißheit. Sie kennzeichnet, wie nichts anderes, die Lage und droht, auch das, was unter diesen Trümmern noch an Aufbauwillen lebt zu lähmen. Einstweilen ist es noch eine Welt von Fragen ohne Antworten, in der der Bergmann wie der Industrielle, der Verwaltungsmann wie der Gewerbetreibende an der Ruhr leben. Was gegenüber diesen Ungewißheiten greifbar ist, ist quälend genug. Betriebsschwierigkeiten, Lebensmittelmangel, finanzielle Nöte, Wohnraummangel und Verkehrsmiseren. Und nicht zuletzt die Enttäuschung über den Lauf, den die Dinge in einem Jahr unter Besatzung genommen haben. Auch dies ist eine Tatsache, die nicht verschwiegen werden kann, denn sie kann die Quelle psychologischer Gefahren und Mißverständnisse werden. Gewiß, niemand hatte sich dem trügerischen Glauben hingegeben, derselbe Gegner, der uns gestern noch mit Bombenteppichen und Panzergeschwadern niedergewalzt hatte, werde uns heute mit Wohltaten überschütten. Aber der Glaube an eine wirtschaftliche Vernunft und eine europäische Verantwortung ließ gerade hier im Ruhrgebiet die Hoffnung keimen, aus den technischen Schwierigkeiten von heute werde guter Wille doch schneller und vor allem sichtbarer die Wege zu einer fruchtbaren Arbeit freizumachen verstehen, als dies bisher geschehen ist. Die weitverbreitete Enttäuschung hierüber birgt die Gefahr in sich, auch dort, wo technisches Unvermögen oder nicht, übersehbare Faktoren mitgesprochen haben, eine unfreundliche Absichtlichkeit am Werke zu glauben.

In der Welt des Unternehmertums ist die Ungewißheit über das, was bevorsteht, nicht geringer als in der betroffenen Arbeiterschaft. Steht man am Vorabend der Sozialisierung der Schlüsselindustrien? Lohnt es noch, seine Mittel in einem Betrieb zu investieren, der morgen vielleicht schon verstaatlich wird? Ist die Entfaltung wirtschaftlicher Initiative wahrscheinlich angesichts einer Steuerpolitik, die nur noch die Unkostendeckung wünschenswert macht, den darüber hinaus erzielten Gewinn aber zum Stein des Ärgernisses werden läßt? Hat der Unternehmer, um bei ihm zu bleiben, die Szylla der Entnazifizierung umschifft, und ist er auch nicht als Folge bisheriger Prominenz im Gewahrsam gelandet, so droht seinem Betriebe immer noch die Charybdis der Demontage im Rahmen des Industrieplans. Darf er auch hier auf ein gnädiges Schicksal hoffen, so beginnt das Ringen um ein Produktions-Permit. Wird er eines erhalten, und, wenn ja, wird es eines sein, das nicht nach drei Wochen plötzlich widerrufen wird? Wird er im Labyrinth amtlicher Produktionssteuerung die benötigte Stromzuteilung bewilligt erhalten? Der Kreis der täglichen Sorgen erweitert sich durch das Bemühen um die Beschaffung all der durch den Betrieb benötigten und heute so schwer erhältlichen Dinge, von denen doch, besonders in den Gruben, letriebssicherheit und Ausnutzungsgrad des Werkes entscheidend abhängen. Dinge, die, wie Armaturen, Meßinstrumente, Signalmittel, Kompressoren, Werkzeuge, Ersatzteile, Pumpen, Gummidichtungen, Öle und Schmieröle über die landschaftlichen Grenzen des Ruhrkohlenreviers hinausweisen und die unendlich innige und komplizierte Verflechtung dieses Industriegebietes mit dem übrigen Reich besser als jede Theorie verdeutlichen.

Diese Einheit aber ist durch Pariser Pläne gefährdet, und der Arbeiter, der zu seinem schweren Dienst unter Tage einfährt, weiß heute weniger denn je, für wen er morgen schaffen wird. Vorerst freilich tritt die Sorge um das politische und wirtschaftliche Gesamtschicksal seiner Heimat, die er nur im Rahmen Deutschlands sehen kann, für den Ruhr-Arbeiter, der andere Lösungen sowieso nicht ernst zu nehmen bereit ist, zurück hinter den Lasten und Noten seines Alltags. Sechs und mehr Feierschichten im Monat nimmt er sich, um durch Fahrten bis Nordhannover, Friesland, ja bis ins bayrische Land hinein Kartoffeln für sich und seine Familie in oft drei- und viertägiger Reise und Wanderschaft von Hof zu Hof zu beschaffen. Große Teile seiner Schwerstarbeiterzulage wandern in die hungrigen Münder seiner Kinder, die, zumal wenn sie noch unter vier Jahren sind, mit den für diese Altersstufe gewährten zwei Pfund Brot nicht satt zu werden vermögen.

Bringen diese Hamsterfahrten schon feldzugähnliche Strapazen, so ist die tägliche Fahrt von und zur Arbeitsstätte zu einer Tortur des Alltags geworden. Wenn allein in Essen nicht mehr als 8 v. H. der Straßenbahnwagen unzerstört und einsatzfähig geblieben waren, und wenn die Zerstörung von Wohnvierteln den Arbeiter in immer entlegenere Quartiere gezwungen hatte, so wird der dornenreiche Weg zur Arbeitsstätte verständlich. Dieser Arbeiter aber, der heute unter so widrigen Umständen schaffen muß, sieht nun, soweit er Bergarbeiter ist, in der Kürzung der Knappschaftsrenten auch das bitter wenige noch bedroht, was er sich und seiner Familie noch an finanzieller Sicherheit zu schaffen erhofft hatte. Ein Mann, der nach 40jähriger Arbeit unter Tage sich plötzlich auf eine monatliche Rente von 65 Mark gekürzt sieht, wird kaum die allgemeine Arbeitsfreudigkeit beflügeln können.

So ergibt sich ein Gesamtgemälde, bei dem nicht die zunehmende Arbeitsunlust das Befremdliche, sondern eher das Gegenteil erstaunlich wäre. Das materielle Defizit, mit dem Hütten und Gruben gleichermaßen heute arbeiten, erweitert sich damit nach der moralischen Seite hin. Aber alle diese Dinge, widergespiegelt im Absinken der Produktion, über das In- und Ausland so bewegliche Klage führen, sind nicht Ursachen, sondern Folgen, und zwar Folgen von Ursachen, die weder in der Arbeiterschaft noch eigentlich in der Politik der Werksleitungen begründet sind. Das Ruhrgebiet ist bei allen diesen Erscheinungen weit mehr Objekt als Subjekt. Es wieder zum Subjekt zu machen, heißt auch den Weg zur Gesundung zu beschreiten. Je mehr das Ruhrgebiet ans dem Zwielicht der Ungewißheiten in die klare Beleuchtung reichsdeutscher Zuständigkeit zurückkehrt, je mehr vor allem gerade die industrielle Verwaltung durch deutsche Fachkräfte wieder wahrgenommen werden: kann, deren jahrzehntelange Vertrautheit mit einem so differenzierten Revier, wie es das Ruhrrevier im Gegensatz z. B. zum englischen Kohlenrevier darstellt, desto eher wird sich eine Wiederbelebung jener Kräfte und Arbeitsenergien durchsetzen; auf die Deutschland und damit ganz Europa ein Anrecht hat.