Zur deutschen Uraufführung im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Es war im Januar 1922", so beginnt der im gleichen Jahr erschienene Roman "Siegfrid et le Limousin" von Jean Giraudoux, "schon hatten die Zivilisten alles feldgraue Tuch aufgetragen, das ihnen die Kriegsintendantur gelassen. hatte, und die Militärs ebenso die letzten rot und schwarzen Uniformen, die ihnen aus der Zeit vor 1914 geblieben waren. Die ihnen gemäßen Farben waren damit für ihr weiteres Leben endgültig festgelegt. Die Diplomaten allerdings erschöpften sich immer noch in der Arbeit, einen Schlußstein für den Bau Europas zu finden, bald trafen sie sich unter sonnigem, bald unter wolkigem Himmel, in Cannes, dann in Boulogne, in Genua, schließlich im Haag. Ich las täglich die deutschen Zeitungen, in der Hoffnung, endlich ein Wort, ein einziges freundliches oder gerechtes Wort, zu finden, das an einen Franzosen gerichtet war, und sei es an einen internationalen Franzosen, wie Jeanne d’Arc und Cachin, oder auch nur an einen Teil Frankreichs, und sei es an einen, der gemeinsamer Besitz ist zwischen Frankreich- und andern Nationen, wie das baskische oder katalanische Land, doch alles Suchen war vergebens." Vor zwei Jahren ist Giraudoux gestorben. Wenn er doch noch lebte, wie gern würden wir uns heute an ihn wenden, ihm danken für die helle Botschaft des französischen Geistes, die durch ihn zu uns gedrungen ist, die wir auch dann lieben – wir wollen es nach Frankreich hinüberrufen –, wenn wir zu der Politik seines Landes im Gegensatz stehen müssen.

So fühlte auch er sich an Deutschland gebunden. "Wie bei allen Franzosen, vielleicht aus Angst vor dem Wasser, stützten, sich meine Gedanken auf den Kontinent. Ich wäre bereit gewesen, hier ein Opfer zu bringen, aber ich hatte die Überzeugung, daß es schwierig sein würde für mich, ohne Deutschland zu leben, und da die Bande, die mich an meine Freunde in Berlin, Dresden oder München knüpften, zerschnitten waren, fühlte ich mich manchmal auf meiner deutschen Seite desorientiert, wie ein Hund, dem man die rechten Schnurrbart-Antennen abgeschnitten hat, die ihm sein zweites Gesicht und sein zweites Gehör geben. Deutschland ist ein großes Land voller Menschlichkeit und Poesie, auf das die meisten Deutschen heute pfeifen, für das ich aber noch keinen Ersatz gefunden habe, sosehr ich auch danach gesucht, von Cincinnati bis nach Granada." Das erste seiner Stücke "Siegfrid", das er nach dem Roman gleichen Namens geschrieben hat, spielt in Deutschland, eines seiner letzten und schönsten, "Undine", ist nach dem deutschen Märchen des Friedrich de la Motte Fouquet geschaffen. Siegfrid, der Siegfrid des Theaterstückes, ein Franzose, der im Weltkrieg das Gedächtnis verloren hat, im Lazarett zum Deutschen erzogen, in einem deutschen Staat Minister wird und dann nach Frankreich zurückkehrt, ist ein Bote zwischen den Völkern, der zur Versöhnung aufruft. So wirkte er in der schönen Aufführung Anfang der dreißiger Jahre in den Hamburger Kammerspielen mit Erich Ziegel und Mirjam Horwitz.

Sodom und Gomorra ist kein Stück, das eine Beziehung zur Politik hat, und doch führt eine gerade Linie vom "Siegfrid" über die andern Werke von Giraudoux folgerichtig zu ihm hin Denn das Politische, so stark es in dem erster Theaterstück hervortritt, ist doch nicht sein wesentliches Thema. Das, worum es eigentlich geht, ist das erregende Problem, wie der Begriff der einheitlichen Persönlichkeit sich mit der Tatsache verträgt, daß die Kontinuität des eigenen Bewußtseins unterbrochen ist. Siegfrid hat das Gedächtnis verloren. Wie sich später für ihn herausstellt, ist er nicht das, was er zu sein glaubt, ein sehr patriotisch empfindender Deutscher, sondern ein Franzose. Wie weit wird hier nun der Begriff der Persönlichkeit zerstört, wie ist, so lautet jetzt die tiefe. Frage, eine Identität überhaupt möglich, da die Persönlichkeit doch bei jedem Menschen dem Werden untersteht. Und wenn also eine solche Identität niemals vorhanden sein kann, wem gilt dann Liebe, Achtung, Freundschaft, doch einem sehr unsicheren Gebilde, das dem ewigen Wechsd des Werdens unterworfen ist.

Im "Amphitryon 38" ist dieses Thema fortgesponnen. Jupiter, der die Gestalt des Gatten angenommen, stürzt dadurch Alkmene in den tiefen Zwiespalt, daß in das Bewußtsein ihrer Liebe zu Amphitryon sich immer das Bild des Gottes einschiebt, dem sie sich hingegeben hat. Dadurch, daß Jupiter ihr das Vergessen gewähren muß, ist die Identität der Person, der ihre Liebe gilt, für sie wiederhergestellt, Jupiter aber ist um sein Lebeserlebnis betrogen. Da Alkmene nichts mehr von ihm weiß, bleibt seine männliche Sehnsucht, nicht vergessen zu werden, unerfüllt – die Kontinuität des Gedächtnisses ist bei Alkmene also aufgehoben, die Kontinuität der Persönlichkeit des Amphitryon für sie neu geschaffen. In "Undine", diesem herrlichen Stück voll schönster deutscher Romartik, ist das gleiche Thema in der Atmosphäre des Märchens abgewandelt. Der Ritter ist es, der das Gedächtnis und damit die Liebe zu dem elbischen Wesen verloren hat. Hier ist die Frage seltsam und tief mit dem Tode verknüpft. Als er die Erinnerung wiederfindet, muß er sterben, Undine aber verliert sie im gleichen Augenblick und damit ihre Seele.

So steigert sich von Stück zu Stück die Intensität, mit der das gleiche Thema behandelt wird. In "Sodom und Gomorra" ist es so sehr zum einzigen Inhalt geworden, daß alles äußere Geschehen, das in den früheren Stücken, die Handlung belebend, das Motiv verbirgt, daß also dieser reiche Rahmen nunmehr fortfällt, und das Thema ohne alle Nebenthemen in einem großen Zwiegespräch durchgeführt wird.

So lautet die Botschaft Gottes: Wenn es noch ein Paar gibt in Sodom und Gomorra, das in Liebe zusammenhält, dann kann den Menschen vergeben werden, dann wird der Weltuntergang nicht eintreten! Und dieses einzige Paar, Jean und Lia, lebt noch in Eintracht: "Noch haben sie die Schöpfung nicht unter sich aufgeteilt..... und doch scheint es, als beginne jeder sein eigenes Licht auszustrahlen, als sei jeder im Besitz seiner eigenen Wahrheit, jeder ist zornig auf sich selbst, oder nein, er ist zornig auf den andern." Dies berichtet der Erzengel in seinem großartigen, so sehr französischen Gespräch mit dem Gärtner zu Beginn des Schauspiels.