Von W. A. Meseke

Die geschäftsführenden Direktoren der Weltbank und des Weltwährungsfonds sind Anfang Mai in Washington zu ihrer ersten Sitzung zusammengetreten. Damit hat die Zeit der Vorbereitungen, die vor drei Jahren begann, als England und die USA mit ihren großen Währungsplänen vor die Weltöffentlichkeit traten, ihr Ende gefunden. Weltbank und Währungsfonds sind Wirklichkeit geworden. Die programmatischen Reden, die beiden Institutionen mit auf den Lebensweg gegeben wurden, betonen nachdrücklich, daß sie mehr sein sollen als nur technische Einrichtungen zur Regelung des internationalen Zahlungsverkehrs, daß sie vielmehr berufen sind, "die wirtschaftlichen Grundlagen für eine bessere Welt zu legen".

Eine derart umfassende Programmstellung rechtfertigt das Interesse für beide Institute, da auch Deutschland hoffen darf und bereit sein muß, zu gegebener Zeit seinen Beitrag für diese bessere Welt zu leisten. Aufmerksame Beobachtung ist um so mehr am Platze, als es sich hier um nicht mehr und nicht weniger handelt, als um den Versuch, das durch Krise und Krieg in seinen Fundamenten erschütterte System der Weltwirtschaft wieder flottzumachen.

Die Schwierigkeiten nach dem ersten Weltkrieg zeitigten bekanntlich ein ähnliches Projekt, das, wenn es auch nicht so weitgespannt war wie die Schöpfung der UNO, ursprünglich doch mehr als technische Funktionen erfüllen sollte, tatsächlich aber nur zur Schaffung einer internationalen Kreditbank führte: der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Wählte man damals Basel zum Sitz, als Ort des geringsten Widerstandes, so kommt auch heute der Standortwahl symptomatische Bedeutung zu: die Verlegung des Banksitzes in die USA versinnbildlicht einmal, daß die finanzielle Führung eindeutig an die neue Welt abgegeben wurde und zum andern – nicht Neuyork, sondern Washington wurde gewählt! –, daß die politische Konstellation heute ganz anders ist als damals. Die gründliche Vorbereitung der jetzigen Institute läßt aber auch erkennen, daß sich alle der entscheidenden Bedeutung der hier geplanten Zusammenarbeit bewußt sind.

Die in der Gemeinschaftsschöpfung wirkenden Kräfte werden am klarsten deutlich, wenn man sie bis an ihre Wurzeln zurückverfolgt: den englischen und den amerikanischen Währungsplan, die beide im April 1943 veröffentlicht wurden und mit den Namen ihrer Schöpfer, Keynes und White, verbunden sind.

Beide bemühen sich um eine Wiederingangsetzung der Weltwirtschaft von der monetären Seite her, beide sehen in der Schaffung stabiler Währungskurse eine wesentliche Voraussetzung dazu. Und trotzdem bestehen wesentliche Unterschiede. Der englische Plan erkennt die vor allem seit dem Weltkrieg vollzogenen Strukturwandlungen der Weltwirtschaft an. Die freie internationale Arbeitsteilung, die güterwirtschaftliche Entsprechung der freien Goldwährung, ging verloren. An die Stelle einer internationalen Konjunktursolidarität trat in weiten Teilen der Erde eine binnenwirtschaftlich orientierte Konjunkturautonomie, das heißt auf der Geldseite: eine mehr oder weniger entwickelte Devisenbewirtschaftung, zumindest aber eine Aufgabe der alten Paritäten. Die Herausbildung Vorteils handelspolitisch, teils währungsmäßig bestimmten Großräumen – das Ottawa-System, der Sterlingblock – als weltwirtschaftlicher Teilersatz liegt auf derselben Ebene. Zum Teil bedingt, zumindest aber gefördert wurde diese Entwicklung, auch nach englischer Auffassung, durch die Weigerung der Vereinigten Staaten, aus ihrer Rolle als Weltgläubiger in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg die handelspolitischen Konsequenzen zu ziehen. Die USA waren weder von der Warenseite (durch Einschränkung des Imports oder Ausdehnung der Einfuhr) noch von der Geldseite her (durch Wiederaufnahme des Kapitalexports) zu einem Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz bereit. Das eigene Zahlungsbilanzungleichgewicht aber zog zwangsläufig unausgeglichene Zahlungsbilanzen bei den Partnerländern nach sieht Das Gold wurde damit aus diesen Ländern abgesogen und sammelte sich, anstatt dem internationalen Spitzenausgleich zu dienen, in den Gewölben des Forts Knox.

Der englische Plan stellt sich nüchtern auf den Boden dieser Tatsachen. Seine Forderung einer Wiederherstellung fester Kurse bedeutet daher nicht die Forderung einer Rückkehr zur freien Goldwährung. Lediglich die Auswüchse der oben gezeichneten Entwicklung, der Wettlauf um die schlechteste Währung, die Währungsabwertungen werbender, nicht anpassender Natur, sollten; vermieden werden. Abwertungen zur Behebung struktureller Ungleichgewichte dagegen waren nach ihm erlaubt. Der gesamte, auswärtige Zahlungsverkehr der angeschlossenen Nationen sollte über eine zentrale Clearingstelle geleitet werden. – Demgegenüber waren die Amerikaner als größte Goldbesitzer der Erde naturgemäß weit stärker an der Wiederherstellung der Goldwährung alten Stils interessiert. Demgemäß sollte die erstrebte Weltwirtschaft nicht den inzwischen eingetretenen regionalen Sonderentwicklungen, angepaßt, sondern umgekehrt diese der geforderten freien Weltwirtschaft mit der dazugehörigen Goldwährung untergeordnet werden. Da eine große Bereitwilligkeit der davon betroffenen Länder kaum zu erwarten war, sollte nach dem White-Plan der internationale Währungsfonds das Recht erhalten, diesen Ländern entsprechende Maßnahmen, zu "empfehlen". Die verbleibenden Zahlungsbilanzungleichgewichte glaubte man durch Transaktionen eines Währungsfonds nach dem Muster der nationalen Währungsausgleichsfonds beheben zu können.