Amerika hat begonnen, von seinem unendlichen Reichtum den notleidenden Völkern der Alten Welt zu leihen, damit sie den kommenden Aufbau auf verbesserter Grundlage beginnen können. Anfranzösische Vertreter, Léon Blum, hat einen Anleihevertrag über 1,2 Milliarden Dollar unterschrieben, die Anleihe an Großbritannien ist im Senat angenommen und wird im Repräsentantenhaus in abgeschlossen, beraten. Eine Anleihe an Polen wurde abgeschlossen, jedoch aus politischen Gründen wieder zurückgezogen. Über einen Milliardenkredit an die Sowjetunion wird noch gesprochen.

Es war zu erwarten, daß Amerika nach diesem Kriege seine finanzielle Macht dazu einsetzen würde, die Wunden zu heilen, die sechs Jahre des Wahnsinns geschlagen haben; es ist nur erstaunlich, daß dies bereits so früh geschieht. Noch ist die Umstellung der Rüstungsindustrie in den Vereinigten Staaten selbst auf die Friedenswirtschaft nicht vollendet, noch hat die ungeheuer gewachsene Leistungskraft der nordamerikanischen Industrie sich nicht voll entfalten können, teilweise auch gehemmt durch soziale Fragen, Streiks, Preisunsicherheit und technische Umstellungen, und dennoch beginnt bereits nordamerikanisches Kapital in Form von Waren, Rohstoffen, Maschinen, Fertigwaren und Gütern aller Art in die Welt hinauszuströmen.

Das mag zunächst ein wirtschaftlicher Vorgang sein, das Erwachen des jungen Riesen, der sich seiner Kraft bewußt wird und nicht ruhig mitansehen kann, wie ringsherum Einöde und Wüste gähnen. Er verspürt in sich den Drang, aufzubauen, die Welt schöner zu gestalten, selbst wenn es ihn manche Anstrengungen kosten sollte. Auch nach dem ersten Weltkrieg suchte Nordamerika im Ausland Absatzmärkte für seine gewaltig angeschwollene Industrie, um nicht am eigenen Überfluß ersticken zu müssen. Wir wissen, daß zehn Jahre nach Friedensschluß diese Gefahr brennend wurde, als aus politischen Gründen der Zahlungsverkehr zwischen den Völkern immer verwirrter und verworrener wurde, belastet durch Reparationen, politische Schulden, Anleihen, die als ungerechtfertigte Belastung angesehen wurden, oder das Hinundherhuschen von Fluchtkapital, das von politischen Ängsten gejagt wurde. Als Präsident Hoover 1931 sein einjähriges Moratorium verkündete, um der Welt Gelegenheit zu geben, neue und festere Grundlagen für die zusammenbrechende Weltwirtwar es bereits zu spät. Aus dem einjährigen Moratorium wurde die Einstellung aller politischen Zahlungen, angefangen mit den deutschen Reparationen bis zu den alliierten Schulden aus dem ersten Weltkrieg und den großen staatlichen Anleihen an fast alle Länder der Erde.

Durften wir hoffen, daß jemals wieder der Sparer seinen mühsam erworbenen Groschen in fremde Länder hinausleihen, würde, um dann statt Dank und Anerkennung nur den Vorwurf des hartherzigen Gläubigers zu ernten, den zu betrügen als Meisterstück moderner Staatsmannskunst und Finanzpolitik angesehen wurde? Dennoch haben die Vereinigten Staaten wieder Kredite in andere Länder gegeben. Mancher Europäer mag sich fragen, warum im amerikanischen Kongreß über die Englandanleihe so lange und hartnäckige Verhandlungen geführt werden. Wir wollen umgekehrt bewundern, mit welchem Mut und Selbstvertrauen der nordamerikanische Kapitalist sich wieder an das Auslandsgeschäft heranwagt. Er kommt allerdings nicht als Privatmann. So weit ist die Gesundung der Welt noch nicht fortgeschritten. Die Kredite werden heute von Staat zu Staat gegeben und stellen eine politische Handlung dar.

Damit ergibt sich auch die politische Folgerung, dafür zu sorgen, daß die Anleihen nicht noch einmal von der-Politik her gefährdet werden dürfen. En gibt nur ein Entweder-Oder: entweder übernimmt Nordamerika die politische Führung in der Welt und ist bereit, die sich daraus ergebende Verantwortung zu tragen, oder es zieht sich ebenso hinter eine Chinesische Mauer zurück wie andere Länder hinter den eisernen Vorhang. Entweder siegen der Gelst des Aufbaues und die gläubige Zuversicht in die Zukunft der Menschheit, oder der Geist des Mißtrauens und des Zweifels, ob die Menschen jemals lernen und klüger werden könnten. Entweder blüht die Welt auf in gemeinsamer Arbeit, oder sie verdorrt in unfruchtbarem Hader, in Angst und Sorge, erdrückt von Rüstungslasten, die sie sich selbst aus Mangel an Vertrauen aufbürdet.

Die Nordamerikaner haben diese Entscheidung seit langem kommen sehen. Bereits vor dem Kriege haben sie erkannt, daß die Frage des künftigen Welthandels nur weltweit und grundsätzlich gelöst werden kann. Fallen müssen auch die Beschränkungen der Einfuhr in das eigene Land über die notwendige Rücksicht auf die heimischen Erzeuger hinaus. Sie bilden einen Hemmschuh für eine freie Entwicklung in der Welt, ebenso wie jede Absperrung der großen Rohstoffgebiete von der gemeinsamen Auswertung durch alle Nationen den Keim zu Streit und Hader in sich birgt. Die Antwort auf alle künstlichen Beschränkungen können nur künstliche Wirtschaftsformen sein; das sind etwa die zweiseitigen Warenaustauschgeschäfte oder Devisenabkommen, die von den verantwortlichen nordamerikanischen Staatsmännern gern als die Quelle des letzten Krieges mitangesehen werden.

Präsident Roosevelt erhielt daher noch vor dem Jahre 1939 die Genehmigung, die nordamerikaniachen Zollsätze in Handelsvertragsverhandlungen um die Hälfte zu senken, um daraus Vorteile für die nordamerikanische Ausfuhr im Sinne einer gefolgerten Handelsfreiheit zu erzielen. Diese Vollmacht wurde immer nur für eine begrenzte Zeit und stets bei der Erneuerung heiß umkämpft Immer fanden sich Interessenten, die ihre sigenen kleinen Vorteile gewahrt wissen wollten und dafür den nordamerikanischen Kongreß bemühten. Bei aller Bereitschaft der USA, fremde Waren in größerem Umfange als früher aufzunehmen, bleibt die unbestreitbare Tatsache, daß in nächsten Jahren, vielleicht Jahrzehnten, mehr Güter aus den Vereinigten. Staaten ins Ausland fließen. als aufgenommen werden können. Die Überbrückung dieses Ausfuhrüberschusses kann nur in Form von Krediten erfolgen. Hier gilt es also, die politischen Voraussetzungen zu schaffen, die dieses Vertrauen ins Ausland zu rechtfertigen imstande sein können.