DIE ZEIT

Von Ernst Samhaber

Zu Pfingsten kam der Heilige Geist über die Jünger, wie die Bibel erzählt, in Form von feurigen Zungen. "Und sie waren voll des Geistes." Können wir heute noch verstehen, was das heißt? Das "Wort" war damals für das Altertum mehr als nur Bezeichnung, mehr als das Sinnbild eines Begriffes. Das "Wort" war Ausdruck einer inneren Kraft, des Geistes, und an dieser Kraft suchte eine in sich zerbrochene Welt ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne Vertrauen sich neu aufzurichten. Bedürfen wir heute nicht einer ähnlichen, ja sogar der gleichen Kraft?

Gewiß! Die äußeren Umstände scheinen verschieden. Damals hatte das allmächtige Rom alle Feinde niedergeworfen. Das gesamte Mittelmeer, und damit die bekannte Welt, war unter einer einzigen Herrschaft vereint. Der Friede Roms, die Pax Romana begann ihr segensreiches Walten nach den schrecklichen Jahren des Bürgerkrieges, des gegenseitigen Hassens und der wechselseitigen Ausrottung durch die berüchtigten Proskriptionslisten. Welches Glück, die Grenzen gesichert, den Frieden auf den festen Grundlagen des Rechts aufgebaut zu wissen! Und dennoch war die Welt erfüllt von Unruhe, Unsicherheit, ja Verzweiflung. Alle Zeitgenossen schildern uns diesen eigenartigen Zustand geistiger Unzufriedenheit.

Die große Kultur, die einst Griechenland geschaffen, neigte sich dem Ende zu. Nicht, daß die Städte in Flammen aufgingen, oder in Schutt verfielen, sondern sie starben ab, wurden kalt, leblos, tot. Die Menschen glaubten nicht mehr, nicht an die Götter ihrer Vorfahren, nicht an die großen Ideale der Freiheit, nicht an sich selbst und die eigenen Aufgaben. Das, was Griechenland einst groß gemacht hatte, was seinen kleinen, ans Meer gedrückten Städten den gewaltigen inneren Antrieb gegeben, was die Tempel auf den Bergen hatte erstehen lassen, ewige Sinnbilder unendlichen Lebens, das war nicht mehr: die freie, in sich ruhende Persönlichkeit.

Wie ein Alpdruck, wie der Leviathan der Bibel, lagerte über der erstarrenden Welt der Staat, das römische, weltumspannende Imperium. Mit der Freiheit starb der schöpferische Mensch der griechischen Polis. Die Zeit des Hellenismus brach heran mit ihrer äußeren Technik, aber ohne die Gabe, das Wesen der Dinge zu durchdringen und neu zu gestalten, anstatt nur am Äußerlichen haften zu bleiben.

Alle Voraussetzungen zu einem ruhigen, friedlichen Leben schienen gegeben, und wer vermöchte das Glück solcher Voraussetzungen höher einzuschätzen als wir, denen sie so völlig fehlen? Aber glücklich waren die Menschen damals nicht. Im Innern waren sie tot, und sie sehnten sich danach, im Tiefsten aufgewühlt zu werden, erfaßt zu werden von einem Sturm, der sie zu neuem Leben erwecken möchte, einem inneren Erleben, das sie vom todähnlichen Schlaf zu erwecken vermöchte. Sie sehnten sich nach dem Geiste.