Seit dem 7. April sind durch einen Erlaß der britischen Militärregierung sämtliche bis dahin geltenden Bezugsrechte für Bekleidungswaren außer Kraft gesetzt worden, und zwar auch solche, die bereits einem Lieferer übergeben waren. Das war für manchen zunächst eine unangenehme Überraschung. Doch wird der wirklich bedürftige Verbraucher dadurch keinen Nachteil erleiden, sich höchstens mit einem gewissen Aufschub seiner Bedarfsbefriedigung abfinden müssen. Es ist nur ratsam, nichtausgenützte Bezugsrechte als Beweisstücke aufzubewahren.

Die neue Anordnung über "Kontrolle und Verteilung von Verbrauchsgütern", die außer Spinnstoffwaren einen sehr großen Teil weiterer Verbrauchsgüter (Schuhzeug und Lederwaren, Eisen- und Metallwaren für Haushaltszwecke, Holz- und Metallmöbel, Fahrräder, Verschiedenes) umfaßt, hat natürlich in erster Linie Bedeutung für die Fachkreise vom Fabrikanten bis zum Einzelhandel oder Handwerker. Aber auch der Verbraucher muß wissen, wie er sich in Zukunft zu verhalten hat.

Die Neuregelung macht mit dem Kunterbunt der bisherigen Bezugsrechte ein Ende. Es ist zu hoffen, daß sich jetzt die Vereinfachung bewährt. Die neuen Bezugsmarken gelten für die ganze britische Zone.

Was hat sich gegenüber dem bisherigen Liefer- und Bezugsverfahren geändert? Man sprach bereits bei der Reichskleiderkarte von "Punkten". Der "Punkt" ist auch fortan die Bewertungseinheit. Die sogenannte "Punktliste", die die neuen Punktbewertungen für die einzelnen Waren aufführt, zeigt eine begrüßenswerte Zusammenlegung der Punktwerte innerhalb der gleichen Warengattung. Für den Verbraucher ist diese Vereinfachung freilich von geringerer Bedeutung, genau wie die Änderung (Erhöhung oder Verringerung) einer ganzen Anzahl Punktwerte. Denn er hat künftig nicht mit einer bestimmten Anzahl von Reichskleiderkartenpunkten in einer gewissen Verbrauchsfrist auszukommen, sondern maßgebend für den Bezug der weitaus meisten Textil- und Bekleidungswaren ist einzig und allein die Dringlichkeit des Bedarfs. Neue Bezugsrechte jeder Art werden nur dann von den Wirtschaftsämtern ausgegeben, "wenn die Antragsteller den Bedürfnisnachweis erbringend Man könnte fragen: Was heißt "Bedürfnis"? Wir sind mit Einzelhandelsvertretungen gleicher Meinung, wenn sie den Nachweis eines "dringenden" Bedürfnisses erbracht wissen wollen. Angesichts der völligen Verarmung der Ausgewiesenen, der Flüchtlinge und restlos Ausgebombten wäre es ein Unrecht, würde man nicht zugunsten dieser die schärfsten Maßstäbe anlegen. Der Verbraucher aber möge sich der unbedingten Wahrhaftigkeit befleißigen.

Wir sprachen schon von der "Punktliste". Die Verordnung nennt sie die Liste B. Sie umfaßt bis auf einen verhältnismäßig kleinen Ausschnitt von nebensächlichen Waren, die frei verkäuflich sind (nach unserer Feststellung z. B. Herrenstoffgamasehen, Hosenträger, Strumpfhalter, Besätze, Kordel, Bänder, Litzen, Spitzen, Gürtel, Schnürriemen und andere Kurzwaren), die ganze Fülle der Textil- und Bekleidungswaren, geordnet nach dem Bedarf der Geschlechter und Altersstufen, dem gemeinsamen Bedarf, nach Stück- und Meterware. Sie greift erheblich hinaus über die sogenannte Liste A, die die vordringlichsten und wertvolleren Güter enthält Warum nun diese Unterscheidung? Für den Verbraucher genügt es, folgendes zu wissen: Alles, was in der Liste A enthalten ist (auch wenn es in Liste B wiederkehrt), wird nach einem Verfahren behandelt; alles, was nur in Liste B aufgeführt ist, nach einem zweiten Verfahren. Zur Liste A zählen z. B. Anzüge, Männer- und Burschenhosen, Wintermäntel, Pullover, Hemden, Handschuhe, Strümpfe, Taschentücher, Damenkleider, Schlüpfer, Büstenhalter, Mädchenkleider und anderes mehr. Will der Verbraucher solche Waren beziehen, so geht er zum Wirtschaftsamt und erhält dort nach dem Beweis des dringenden Bedürfnisses Bezugsmarken, die den Aufdruck der Warenbezeichnung tragen und aus dem Bestellschein und Stammabschnitt bestehen. Ist die Ware in einen Geschäft vorrätig, gibt er die ganze Bezugsmarke hier ab. Im andern Falle trennt der Einzelhändler oder Schneider den Bestellschein gegen Quittung auf dem beim Verbraucher verbleibenden Stammabschnitt ab, um auf Grund des Bestellschein die Beschaffung der gewünschten Ware zu versuchen; bei Lieferung übergibt der Verbraucher auch den Stammabschnitt. Dieses neuartige Bestellscheinverfahren muß seine Probe noch bestehen.

Bei den in Liste B allein verzeichneten Waren, zu denen u. a. Gummimäntel, Nachthemden, Schlafanzüge, Schale, Bademäntel, Wickelgamaschen, Kravatten, Damenkostüme, Blusen, Sommermäntel, Trägerschürzen, Trainingsanzüge, Knabenwaschanzige und -waschblusen, Turnhosen, Schirme, Schianzüge, also offensichtlich weniger wichtige Arten zählen, tritt das zweite Verfahren ein. Hier ist dem freien Ermessen der Wirtschaftsämter insofern ein gewisser Spielraum gelassen, als sie selbstausgeschriebene Blankobezugsmarken (d. h. unter Eintragung, statt mit Aufdrude, von Warenbezeichnung und Punktwert) in einer ihnen angemessen erscheinenden Anzahl in ihrem Bezirk ausgeben können, jedoch nur an solche Verbraucher, die neben dem dringenden Bedürfnis auch eine Bezugsquelle für die gewünschte Ware nachweisen (Bescheinigung eines Lieferers). Diese Blankobezugsmarken sind (im Gegensatz zu den Marken der Liste A) nicht in Bestell- und Stammabschnitt eingeteilt. Der Verbraucher möge mit darauf achten, daß er nicht versehentlich für Waren der Liste A Blankobezugsmarken der vorstehend genannten Art erhält, denn sie sind ungültig. Außerdem sei bemerkt, daß Reste mit der Hälfte der Punktzahl bewertet werden, wobei unter "Resten" Stoffabschnitte zu verstehen sind, die bis zu 90 cm Breite nicht über l m. bei über 90 cm Breite nicht über 60 cm lang sind.

Verlorengegangene Bezugsrechte werden grundsätzlich nicht ersetzt. Jeder ist für deren Sicherheit selbst verantwortlich: Das gleiche gilt für in Verlust geratene Spinnstoffwaren; ein Punktersatz wird nicht gewährt.

Von besonderer Wichtigkeit dürften noch für den Verbraucher der Lieferzwang und das Verbot von Tausch- und Koppelgeschäften sein: dem Einzelhändler oder Handwerker ist es untersagt, dem rechtmäßigen Besitzer eines gültigen Bezugsrechtes die Herausgabe einer vorrätigen und von jenem handelsüblich vertriebenen Ware zu den festgesetzten Preisen zu verweigern. Es ist außerdem verboten, für den Verkauf solcher Waren die Gegenlieferung anderer oder die Abnahme zusätzlicher Waren zu fordern. Die Gerichte können jeden Verstoß mit empfindlichen Strafen (ausschließlich Todesstrafe) ahnden und die Beschlagnahme der Waren verfügen. Das ist eine nachdrückliche Warnung an alle, die die Not ihrer Mitmenschen eigensüchtig für sich ausnutzen. H. A. N.