Am Himmelfahrtstage trat die Hamburger Bürgerschaft zusammen, getrieben von der ernsten Sorge um die Zukunft ihrer Vaterstadt. Was war geschehen? Eine Woche vorher waren die Heiligen der weltbekannten Werft von Blohm und Voß gesprengt worden. Die himmelanragenden Kranbrücken hatten sich langsam gesenkt und waren in sich zusammengebrochen, als das Dynamit mit hartem Krachen ihre Sockel zerrissen hatte. Wir haben dieses entsetzliche Krachen häufig genug gehört, wenn die Bombenteppiche herniederrauschten, wenn Sprengladungen an die Brücken und Gebäude gelegt wurden, die dem Feinde, nicht ausgeliefert werden sollten. Wie haben wir nach dem Frieden gebangt, da wir dieses furchtbare Zerstörungswerk nicht länger mitanzusehen brauchten! Noch vor wenig mehr als einem Jahr drohte der Wahnsinn das wenige, das uns geblieben, dem Geist der Vernichtung zu weihen. Wir erinnern uns an die Aufrufe der herannahenden britischen und amerikanischen Armeen, alles zu tun, um das, letzte, sinnlose Verschleudern des deutschen Vermögens an Sachwerten, an Produktionsmitteln zu verhindern. Versenkt keine Schiffe mehr, sprengt keine Brücken, erhaltet die Industrieanlagen, klang die Stimme durch den Äther, denn sonst steht ihr einmal da ohne irgendwelche Möglichkeit, zu arbeiten und so zu leben! Nicht immer konnte dieser Rat beherzigt werden; denn der satanische Geist der Vernichtung ging um. In seinen Augen glühte die Flamme des Hasses, der sich lodernd lieber selbst verzehrt, als auf die Stimme der Vernunft zu hören. Was Geschlechter gebaut, was mit unendlichem Fleiß Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt aufgebaut worden war, sank in Schutt und Asche. Aber ist das heute anders?

Gibt es in der Welt kein Land, das mit diesen Anlägen etwas anfangen können, in Südamerika, in Afrika oder Asien, wenn schon dem alten Europa an diesen kunstvollen Werken nichts mehr gelegen? Konnten die tadellosen Fischdampfer, die in der Ostsee gesprengt und auf den Grund des Meeres geschickt wurden, keinem Fischer in fremden Landen, der sich mühsam auf unzureichendem Fahrzeug dem Sturm und den Wellen aussetzt, eine wesentliche Erleichterung bringen?

In der russischen Besatzungszone sieht das deutsche Volk die nicht endenwollenden Züge mit ausgebauten Maschinen, Fertigwaren, Anlagen und technischen Geräten nach Osten rollen. Mag noch so sehr dabei sich das Herz zusammenkrampfen, wenn wir an die Zukunft des eigenen Volkes denken, so bleibt doch der Gedanke, daß diese Erzeugnisse deutschen Geistes, deutscher Wertarbeit einem andern Volke zugute kommen. Wenigstens eines wird vermieden: die sinnlose Zerstörung, die niemandem hilft. Auch so werden sie uns bitter fehlen in einem Augenblick, da wir sie am meisten benötigen; aber sie dienen dem Aufbau, und nicht sind sie die Opfer eines furchtbaren Gottes des Krieges, nicht werden sie dem Geist der Vernichtung geweiht. Unsere Sorge ist, daß dieser Geist wieder, wie vor Jahren, die Macht über die Menschen gewinnen könnte.

Lohnt es sich zu arbeiten, fragen die Menschen, wenn die Frucht dieser Arbeit nur zerstört wird? Lohnt es sich zu planen, zu sorgen und zu mühen? Das Krachen der Sprengladungen zerreißt mehr als Stahlmaste und Maschinen, es zerreißt den Frieden des Herzens, aus dem allein heraus die Kraft zum neuen Aufbau erblühen könnte. Das waren die Gedanken, die die Hamburger Bürgerschaft am Himmelfahrtstage erfüllten. Sie wandte sich an die britischen Behörden, mit dem Ergebnis, daß die für den nächsten Tag angesetzten weiteren Sprengungen von Werften, die für den Frieden und den Export zu arbeiten bereit waren, unterblieben.