Meiningen, im Juni

Der Theaterherzog, Georg II. von Sachsen-Meiningen, hat mit seiner Schauspieltruppe den fortwirkenden Begriff der "Meininger" geschaffen, über deren Ruhm nun reichlich ein halbes Jahrhundert vergangen ist. Es gibt auch heute ein Theater am Englischen Garten. Die Gegenwarts-Meininger verhalten sich zu ihren berühmten Namensahnen wie die Griechen unserer Tage zu den Helden Homers. Welcher Umstand die Fundamentalweisheit nicht angreift, daß der Lebende recht hat und sich dennoch immer Enkel fühlt. Die Meininger wie die Griechen. "Wenn man heute schon von einem .Meininger Kulturkreis’ spricht", hat der Intendant Friedrich Tartier erklärt, "so ist das ein Beweis, daß es nur härtester, unnachgiebigster Arbeit bedarf, freilich unter Verzicht auf jedes Privatleben und jede Bequemlichkeit, um seiner Arbeit Geltung zu verschaffen und wiederaufzubauen; das .Gesetz von der Erhaltung der Energie’ hat auch hier seine Gültigkeit." Die Abwanderung der Künstler von Berlin hat der Provinz Kräfte zugeführt, die eine Revision dieses diskreditierten Begriffs betreiben: In Meiningen wirkt Otto Graf, ehemals am Berliner Gendarmenmarkt, als Spielleiter und Darsteller. Worunter die künstlerische Leistung der kleinen Bühnen im allgemeinen leidet, ist kaum so sehr eine Unfähigkeit ihrer mittleren Kräfte, als die Unkontrolliertheit ihrer ersten. Es gilt nicht sosehr, den göttlichen Funken als vielmehr Disziplin in die Provinz zu tragen. Das andere schaffen die Theater.

Es war schwierig, das Theater in Meiningen, das bis dahin nur Zuschußbetrieb war und von Stadt und Staat unterstützt wurde, auf sich selbst zu stellen. In zehn Monaten der Spielzeit hat Meiningen 48 Premieren in Schauspiel und Operette, dazu fünf Tanzabende, 35 Sinfonie-, Kammer- und Schloßkonzerte aufgeführt und von "Faust" und "Hamlet" bis zur "Ehe in Dosen" und "Charleys Tante", von "Fidelio" und "Figaro" bis zum "Dreimäderlhaus" und der "Lustigen Witwe" alles gespielt, was man spielen kann, ohne die Diskussion in Gang zu setzen. Die unwahrscheinlich hohen Zahlen, die mehr als eine Premiere in der Woche bedeuten, scheinen dafür zu sprechen, daß hier mehr Breiten- als Tiefenwirkung angestrebt wird. Der Rechenschaftsbericht des Intendanten hat sich Kritik in diesem Sinne gefallen lassen müssen. Es fragt sich nur, ob dies bei Betracht der besonderen Zielsetzung eine negative Kritik sein kann. Meiningen bespielte in diesen dreiviertel Jahren 25 Abstecherorte bis zu den kleinen Rhön- und Thüringerwalddörfern, die zum ersten Male Theater erlebten ... Die Höchstzahl der Vorstellungen betrug in einer Woche in Meiningen und den Abstecherorten 27 Aufführungen.

Aus Glanz und Gloria der alten Meininger vor dem begeisterten Forum des theaterleidenschaftlichen Europas ist das zähbesessene Werkeln im kleinsten Kreis geworden, aus Gastspielen in Wien und Hamburg solche in Vacha und Themar und den kleinen Nestern längs der Grenze der sowjetischen Besatzungszone. Und das Theatererlebnis, das in ruhigen Zeiten nicht einmal eine subventionierte Wanderbühne bis zu ihnen trug, – das bringen ihnen heute, in unserer von so viel Sorgen durchpflügten Zeit, die Meininger auf eigene Rechnung. Auch das verdient einen Lorbeerkranz mit Schleife. Gerade das. Hanns Bornemann