Von Renate Lienau

Es war in der neueröffneten Galerie, daß ich ihn wiedertraf, nach manchem Jahr der Verbindungs losigkeit. In – einer Anwandlung ungestörten genießerischen Beobachtenwollens verspürte ich keine Neigung, auf ihn zuzueilen. Er hatte mit zielsicherem Schritt fast alle Säle in ihrer vollen Tageshelle durchschritten, bis er, in seinem weit ausholenden Gang innehaltend, stehenblieb und den Blick auf ein Gemälde an der linken Saalseite wandte; seine Begleiterin, schmal und zierlich, reichte ihm kaum bis zur Schulter, und bei jedem Wort, das er sprach, beugte er sich zu ihr nieder. Da stand er nun, den mächtigen Körper in den Böden des weiten Raumes gerammt. Sein Kopf mit dem dichten, weit hinter der Stirn ansetzenden tief schwarzen Haar war noch ebenso titanenhaft wie ehedem. Er hatte die Brille von den Augen genommen und deutete mit mächtig ausgreifender Gebärde auf das Bild des Albrecht Altdorfer, die "Alexanderschlacht".

Die Wahl dieses Bildes schien mir bezeichnend für ihn, der in sehr bewußter fachmännischer Kenntnis und doch auch in einer fast kindhaften Hinlenkung zu dem seinem Wesen Zugehörigen und Eingeborenen darauf zugesteuert war. So begann er nun, seiner stillen Begleiterin die Konturen, die Form, den Stoff, den Reichtum und des Bildes innere Gestaltung auszudeuten: Nicht allein vom Urgrund des Handwerklichen ausgehend, sondern gleich einer Ansprache an die phantasiebewegte Unruhe des Meisters – das Gemälde neu ausleuchtend. Sein zärtliches Hineinhorchen in jedes Detail und der süchtige Drang, die phantastische blaugrüngelb-fahle Komposition der Hintergrundlandschaft mit dem Wort noch einmal zu malen, mußte dem Wunsch entspringen, gleiches schaffer zu können. Und er kam sich auch wohl selbst, der Glückliche, so vor, als habe er zum mindesten den Meister zu seiner Komposition inspiriert.

Sie standen nun sehr nahe dem Bild. So nahe, daß ein kleiner empörter Zerberus der Galerie nahte und dem Herrn das "Berühren der Bilder mit den Fingern" – wie er sich ausdrückte – verwies. Aber er erhielt nur einen leicht geringschätzigen Blick aus den Augen des Titanen, worauf er sich entschloß, abwartend auf der Lauer zu verbleiben. – Es ist gewiß eine verzeihliche Lust, die den versunkenen Beschauer befällt, wenn er die herrliche Wärme der Farben anfühlen oder die Details der Formen unter den Fingern spüren will; er wird in einen seltsamen ästhetischen Bann gezogen; er wünscht inbrünstig, Geist und seelische Verfassung des Meisters zu durchdringen.

Genug. Der Zerberus stand auf der Lauer. Es geschah aber nichts, als daß der Freund mit einer rundausholenden Gebärde in die Konturen des farbig bewegten Vordergrundes deutete und seine Begleiterin das Sehen lehrte. Aus der fülligen Unruhe der erregt ringenden Heere – hier Darius, dort Alexander – wuchsen unter wenigen Worten und sparsamen Hinweisen bedeutungsvolle Gruppen von Menschen, die farbige Pracht fahnentragender Männer, speerschwingende Krieger, fliehende Haufen und siegestrunkene Verfolger heraus, die die gewaltigen Ausmaße dieser Schlacht zu einem kosmischen Ereignis im Weltall machten. Welche ungeheure Phantasie gebar diesen Reichtum der Bewegung!

Der Freund und seine Begleiterin traten einige Schritte zurück. Und nun aus größerer Entfernung, wurde die schwingende harmonische Brücke, die sich aus der üppigen Erregtheit der Vordergrundszene zur Größe des Hintergrundes wölbte, offenbar: eine Dämonie unbeschreiblich blaugrün verfallenden Himmels, von einer grellen, bösen Sonne durchrissen, beherrschte die überschwengliche Romantik der erdachten Landschaft. In der Mitte floß die dunkle Blanke eines breiten Stroms; es wuchsen Berge einer Urlandschaft auf, die kein menschliches Auge je erblickt hat und die doch in gewaltiger Echtheit das Schlachtbild im Vordergrund umstanden. Das Ganze aber kündete jene dionysische – und im Unwirklichen fast kindhafte – Vorstellung vom Erdball, die alle Ereignisse in das Weltall verlagert. Das Wesen des Schaffenden gehörte diesem Weltall, und auch der Mitschaffende und Ausdeutende ging darin ein; ihm versanken Not und Sorge seiner zeitlichen Umgebung – sein Leben speiste sich aus anderen Quellen.

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