Fliedersträuße auf roh gezimmerten Tischen, karierte Küchentücher oder Bettbezüge als Tischdecken, ein bunter Fries von Märchen- und Indianergestalten an der Wand, das ist das Eßzimmer. Die Schlafräume enthalten nur das notwendigste Mobiliar, die Steinfußböden sind mit Papierläufern bedeckt. Ein Waschraum, eine Küche, auf deren Kohlenherd mit einer Feuerstelle, für fast 50 Personen gekocht werden muß, und die Räume für Heimleitung und Personal, das ist das ganze Kinderheim Steinbeck. Aber alles blitzt vor Sauberkeit drinnen, und draußen wachsen Wald und Heide fast in den Garten hinein, der von einer tobenden Kinderschar im Alter von 10 bis 15 Jahren erfüllt ist. Sie spielen Völkerball mit einem vierpfündigen Medizinball, weil sie nichts anderes haben. In einer schattigen Ecke lagern die Kleinen unter Aufsicht und halten Mittagsruhe. Einige sehen schon ganz wohl und vergnügt aus, andere haben seltsame Narben auf den nackten mageren Armen. Es sind die Kennzeichen, die ihnen im KZ eingebrannt wurden. Alle diese Kinder waren entweder selbst dort oder aber ihre Eltern; sie sollen sich nun hier von den Schrecken und Schäden, die sie an Leib und Seele erlitten haben, erholen. Das ist der Sinn dieses Heims, das das Komitee ehemaliger politischer Häftlinge hier mit Liebe und Mühe für sie errichtet hat. Die körperliche Gesundung macht meist gute Fortschritte, wenn das Tempo auch seit der Rationskürzung langsamer wurde, denn der 20prozentige Genesungszusatz kann das fehlende Brot nicht ersetzen. Viel schwieriger ist es, die seelischen und charakterlichen Schäden wieder auszumerzen, die teils durch die grausigen Erlebnisse und den Umgang mit den vielen moralisch verseuchten Existenzen im KZ, teils auch durch die Verfolgungen außerhalb des KZs in Schule und im Alltag entstanden sind.

Es gehört zu den klaren Grundsätzen der Heimleiterin, einer bewährten Pädagogin, gar nicht an das Vergangene zu rühren, sondern in Spiel und Unterricht das Kind allmählich zurückzuführen in ein normales Kinderdasein. Dies geschieht ohne jeden Zwang, es gibt kein "Antreten" oder "Appell", jede Handlung beruht auf Liebe und gegenseitigem Vertrauen. Nur so ist es möglich, die Verkrampfung allmählich zu lösen. Die Aufenthaltsdauer beträgt durchschnittlich 8 Wochen, je nach Maßgabe des Arztes. Aber in Sonderfällen, wenn z. B. keine Eltern mehr vorhanden sind, kann sie unbegrenzt ausgedehnt werden, bis eine Lösung für die Zukunft des Kindes gefunden ist. Manche "Paten", die für die Aufenthaltskosten aufkommen, erklären sich bereit, auch die weitere Erziehung oder Ausbildung zu zahlen. Für manche Kinder werden, noch Adoptiveltern gesucht, und für die Schulentlassenen sorgt das Komitee für Lehrstellen. So wird versucht, die Vergangenheit zu begraben und den Grund für den Aufbau einer helleren Zukunft zu legen. v. M.