Von Ascan Klée Gobert

Zuerst kam ein jähes Erschrecken. Die Fahrt durch die frühlingshafte Lüneburger Heide, in die Lupinen und Ginster blaugelbe Bänder gelochten hatten, hatte vergessen lassen, daß jedes Wiedersehen mit einer deutschen Stadt Besuch eines neuen Friedhofs aller Erinnerung bedeutet. Die getretenen Türme über den Trümmern der Welfenstadt gemahnen an alte Holzschnitte aus der Schwedenzeit". Von den 700 Fachwerkhäusern, dem Stolz der Löwenstadt, sind zwölf erhalten geblieben, und selbst in dem bereits vorbildlich mit einheimischer Kunst wiedereröffneten Museum teuren nur leere Träger und helle Flecken an, wo die dort angebrachten Gefüge gesessen haben, denn sie sind in der östlichen Zone in "Sicherheit" gebracht.

Und doch lud die "Stadt an der Grenze", wie Braunschweig in Berlin genannt wird, zu einer Kulturwoche ein. Ja, ihr Oberbürgermeister, beifällig von der Presse glücklicherer, aber weniger unternehmungslustiger süddeutscher Städte kommentiert, hat es seine Hauptaufgabe genannt, dem kulturellen Leben neue Wege zu erschließen, um die moralischen Grundlagen für den materiellen Wiederaufbau der Stadt zu schaffen. Wir wünschen der Stadt, daß dies ebenso gelingen möge wie der unbestreitbare Erfolg ihres kulturellen Wagemutes. Zwei Kunstausstellungen wurden gleichzeitig gezeigt. In den beneidenswert geeigneten Räumen des Stadthauses, das nach seiner Giebelinschrift den etwas mühsamen Namen "Salve Hospes" führt, die "Befreite Kunst" Sie geht, wie ihr Motto, weiter als die Hamburger Ausstellung, ist übrigens auch, wie das ganze Programm der Kulturwoche, völlig unabhängig von britischer Zensur ausgewählt. Zwar fehlte bis auf zwei Bronzen die Vielheit Barlachscher Schöpfungen, dafür waren aber Campendonck, Gleichmann, Höfer, Klee, Pechstein, Schmidt-Rottluff und andere zu breiterer Erörterung entarteter Kunst vorhanden. Als Überraschung fand sich das dreiteilige "Im Zoo" des 1914 gefallenen August Macke. Käthe Kollwitz war ein Zimmerchen für sich eingeräumt. Das Publikum schien sich auch hier am meisten der Befreiung Noldes zu freuen, dessen Aquarelle "Sturmwolken", "Abendglut" und "Landschaft mit Mühle" dem Beschauer noch lange nachgingen.

Im Barockschlößchen Richmond – der Weg führt nicht ohne Bitterkeit an der unversehrten SS-Reichsführerschule vorbei – sind gleich zwei Ausstellungen nebeneinander: einmal die Hauptwerke des Herzog-Anton-Ulrich-Museums, das seit langem der Verwendung für Verwaltungszwecke der Militärregierung harrt, im Obergeschoß 75 Bilder Worpsweder Maler, vorzüglich aus der bekannten Roseliusschen Sammlung zusammengebracht. Zwischen befreiter Kunst einerseits und Rembrandt und Rubens anderseits muten sie etwas zeitfern an, doch der Katalog erinnert uns, daß Fritz Mackensen seinen 80. Geburtstag feiert, Paula Modersohn den 70. feiern würde, somit auch die Wegbereiter unserer Jugend bereits das biblische Alter erreicht haben.

Leider verwehrte der chronische Zeitmangel – wenn dies Paradoxon erlaubt ist –, über die aus allen Bereichen glücklich zusammengestellte Hörfolge der Kulturwoche zu berichten. Das Staatstheater in der Kanthochschule begann mit "Nathan" und schloß mit einer Neuinszenierung des "Don Carlos" von Klevenow. Albert Bittner leitete ein Symphoniekonzert mit Debussy, Reger, Brahms und eine Aufführung der Kantate "Die Hirten der lieblichen Berge" von Williams sowie Strawinskys "Geschichte vom Soldaten", auf die wir in einer Besprechung noch eingehen werden.

Empfindsame Kritik beanstandete die zerlumpte Fliegerbluse des Soldaten. Wir sind nach zwei verlorenen Kriegen gewohnt, den Militarismus im zerschlissenen Rock des betrogenen Heimkehrers enden zu sehen, aber britische Offiziere sollen eine Vorführung in ihrer Sprache empört verlassen haben. So ergibt sich die nachdenkliche Frage, in welcher Montur Strawinskys pazifistisches Melodrama in einem Siegerstaat darzustellen wäre? Die Regie Hans Bauers brachte "Das Konzert" von Bahr und die Zeitstücke "Das Abgründige in Herrn Gerstenberg" und "Die Schnur im Zimmer" in sauberer Aufmachung. Eine große Auswahl von Kammermusik, Vorträgen, Tanzabenden und anderen kulturellen Begebenheiten muß trotz ihres Einzelwertes summarisch Erwähnung finden. Der Direktor des Kulturamts, Dr. Hermann Kindt, reihte sich mit einem Vortrag über deutsche Literatur von 1914 bis 1945 selbst in den Stundenplan dieser Woche ein, dessen Zusammenstellung und Durchführung ihm viel Mühe gekostet haben mag. "Die Kunst versetzt uns in jene höher gelegenen Bezirke menschlichen Seins, ohne die das Leben nicht lebenswert wäre", zitieren wir noch einmal den Oberbürgermeister aus dem Vorwort des Katalogs der Kulturwoche. Die zerstörte Stadt Braunschweig hat ihren Bewohnern und Gästen eine Woche lebenswert gemacht. Vivant sequentes!