Menschen, die dem logischen Denken mißtrauen, erfreuen sich von alters her an dem Satz vom Kreter Timon, der lautet: "Timon sagte: ‚Alle Kreter lügen!’ Timon war ein Kreter. Also log er, als er sagte: ‚Alle Kreter lügen.‘ Ergo lügen die Kreter nicht. Also sagte er die Wahrheit, als er sagte: "Alle Kreter lügen!’ Aber Timon war ein Kreter. Ergo log er ..." Dieses Perputuum mobile des Denkens, das geeignet ist, Krampfadern im Gehirn zu erzeugen, dieses Satzgefüge-Karussell kann sich ad infinitum drehen, ohne daß es sich nach den Regeln der Logik herausstellt, ob Timon log oder nicht... Genau so könnte der Chronist nach streng logischen Regeln auch niemals erfahren, ob eine ferne Schreibmaschine log oder ob sie die Wahrheit tippte, als sie erklärte: "Die Schreibmaschine ist gestohlen." Doch halt! Daß sie gestohlen wurde, daran ist kein Zweifel. Es fragt sich bloß, von wem...

Man sieht: der Fall ist schwierig, und zwar – wie sich zeigen wird – nicht allein in logischer, sondern auch in moralischer Hinsicht. Chronologisch dargestellt liegt der Fall so, daß der Chronist einst einem vertrauten Menschen, der Gelegenheit hatte, früher auf die Flucht vor den Kriegsereignissen zu gehen als er selbst, seine treue Schreibmaschine auf den Weg mitgab. Dieser Mensch – davon war der Chronist so fest überzeugt, daß er sich auch heute noch wehrt, seine Ansicht zu ändern – hat noch nie im Leben etwas gestohlen und wird es auch niemals tun. Und dieser Mensch tippte aus der Ferne, aus der russischen Zone, einen Brief: ‚,Es geht mir gut. Ich habe ein neues Leben aufgebaut. Ich muß aber leider mitteilen: die Schreibmaschine ist gestohlen!" Da der Chronist diesen Menschen als durchaus ehrlichen Menschen kennt und da er so gut wie alles, was er besaß, sowieso verloren hat, war er geneigt, auch diesen Verlust noch gutzuheißen. Aber da spielte die Schreibmaschine einen Streich ...

Die Schreibmaschine nämlich erinnerte den Chronisten aus der Ferne an eine einst erlebte gemeinsame Episode. Mitten in langer Arbeitsnecht war die Schreibmaschine unlustig vom Tisch gehüpft und hatte sich die Kante eines gewissen Buchstabens weggeschlagen; nur ein winziges Stückchen, bloß für den Eingeweihten noch erkennbar. Verärgert hatte damals der Chronist das nächtliche Tippwerk eingestellt und war stracks ins Bett gegangen, um am andern Morgen viel Ärger wegen ungetaner Arbeit zu erleben. Da vergißt man nicht so leicht ein fehlendes Stückchen...

Und siehe: das gleiche Stückchen Buchstaben-Metall fehlte an der Schreibmaschine, die mit sehr vertrautem Schriftbild schrieb: "Die Schreibmaschine ist gestohlen." Just war es so, als wollte die Schreibmaschine augenzwinkernd sagen: "Wohl schreibe ich’s. Doch bitte, glaub es nicht. Ich bin nicht gestohlen. Ich bin noch da!" Und sie winkte mit dem leicht lädierten gewissen Buchstaben, als winke sie mit einem Zaunpfahl und hat doch gleichzeitig geschrieben: "Die Schreibmaschine ist gestohlen." Wer hat gelogen, die Schreibmaschine oder der Mensch, der sie bediente? Kann eine Schreibmaschine, eine tote Materie, ehrlicher sein als ein lebendiger Mensch? Oder kann sie so boshaft sein, Mißtrauen zu säen? Oder sollte es wirklich schon vorgekommen sein, daß sich in dieser schwierigen Zeit die Zonengrenzen auch moralisch bemerkbar machten? Wer weiß Näheres über die Moral der Menschen in dieser Zeit? Wer weiß Näheres über die Moral der Schreibmaschine? M