Von Alfred Joachim Fischer, London

Norwegen ist ein Jahr befreit. Innerhalb dieser knappen Frist haben die norwegische Regierung und das norwegische Volk Erfolge errungen, auf die sie mit Recht stolz sein können.

Weltpolitisch bedeutet Trygve Lies Wahl zum Generalsekretär der UNO eine Anerkennung seines Landes als Brücke zwischen West und Ost. Sie bestätigte nochmals die besondere Unabhängigkeit dieses kleinen nordeuropäischen Volkes, das sich auch in Zukunft an keinem Block mit einer bestimmten Spitze beteiligen will. Zwei andere Norweger wurden mit höchster Stimmenzahl in den UNO-Wirtschafts- und Sozialrat und Helge Klaestad zu einem der fünfzehn Richter des neuen Weltgerichts gewählt.

Freundschaft mit Großbritannien bleibt das traditionelle Kernstück norwegischer Außenpolitik. Von gegenseitigem Mißtrauen ungetrübt, ist aber auch das Verhältnis Moskau–Oslo ein harmonisches. Bereits im Oktober 1945 hatte die Rote Armee Finnmark verlassen, ein Schritt, der wenige Tage vor der Wahl zum Storting stattfand und mit kommunistischen Erfolgen quittiert wurde. Letzte britische Truppen zogen sich am 15. Februar 1946 aus Norwegen zurück. Die deutschen Armeen wurden entwaffnet und 400 000 Deutsche sowie 95 000 andere Ausländer, größtenteils sowjetische Kriegsgefangene, repatriiert: Auf norwegischem Boden befinden sich gegenwärtig nur 32 000 Deutsche – in Dänemark sind es immer noch 200 000 – und 3500 D. Ps. Diese Entlastung trägt wesentlich zur verbesserten Lebenshaltung der Norweger bei

Im befreiten Norwegen war der innere Friede keinen Augenblick gefährdet. Zwischen exilierter Regierung und Widerstandsbewegung, die der Leitung des 73jährigen höchsten Richters Paal Berg unterstand, wurde engster Kontakt aufrechterhalten. Solche, positive Zusammenarbeit ermöglichte die genaue Vorbereitung produktiver Wirtschaftsplanung für die Stunde der Befreiung und effektivster Ankäufe im Ausland. Auch schuf sie Erweiterungen. des Strafgesetzes zur Erfassung von Quislingen und Kriegsverbrechern. Die Heimatfront wahrte eiserne Disziplin. Sie. wußte, daß das in Norwegen immer hochgehaltene Recht nunmehr wieder triumphieren durfte 1300 deutsche Kriegsverbrecher und 13 000. Quislinge unter den verhafteten 16 000 wurden abgeurteilt, Vidkun Quisling ist hingerichtet worden. Norwegen hat damit die bisher dort unbekannte Todesstrafe eingeführt, sie aber äußerst sparsam verhängt.

Im Juni 1945 war dem heimgekehrten und sofort zurückgetretenen Nygaardsvoldkabinett die erste Regierung Gerhardsen gefolgt. Sie setzte sich aus Mitgliedern der hauptsächlichen Parteien unter Führung der Arbeiterpartei zusammen. Zum erstenmal in Norwegens Geschichte waren Kommunisten und ein weiblicher Minister (Kirsten Hansteen, Witwe des kommunistischen Gewerkschaftsmärtyrers) vertreten.

Am 8. Oktober 1945 wählte Norwegen als erstes befreites Land sein Parlament. Die Kommunisten, die vorher gleich Quislings Partei keinen Sitz besaßen, eroberten elf. Auch die bisher zahlenmäßig geringfügige Christliche Volkspartei zog nunmehr mit acht Abgeordneten in den neuen Sterling. Bischof Berggravs hohes nationales Ansehen mag den Erfolg dieser betont religiösen Bewegung mitherbeigeführt haben. Dank Paal Berg hielten sich die Liberalen gut. Konservative und Agrarier – letztere waren durch einige Kollaborationisten kompromittiert – hatten hingegen schwere Verluste. Seit zehn Jahren war die Arbeiterpartei teils allein, teils in Schlüsselstellungen an der Verantwortung. Unverbraucht ging sie aus dem Wahlkampf hervor und erzielte mit 76 unter 150 Abgeordneten sogar einen Mandatsgewinn. So formte Anfang November 1945 Einar Gerhardsen sein zweites Kabinett, diesmal eine ausschließliche Arbeiterregierung. Wiederum sind fast alle Posten mit Männern der Widerstandsbewegung besetzt, die deutsche und norwegische Konzentrationslager von innen kennen. Generationsmäßig waren die zwei Kabinette Gerhardsen die jüngsten überhaupt. Auch im Sterling sitzen 112 neue Männer, nur 38 wurden wiedergewählt. Da sich alle Parteien auf ein gemeinsames Aufbau und Aktionsprogramm einigten, gibt es keine Opposition im strengen parlamentarischen Sinn, vielmehr nur eine Partei innerhalb Und mehrere außerhalb der Regierung. In offizielle Kommissionen zu internationalen Kongressen werden Konservative und Kommunisten fast grundsätzlich eingeladen.