Man pflegt den Krieg als den großen Störer und Unterbrecher des geistigen Kulturstroms zu betrachten, der die Menschheit trägt. Inter arma silent musae: das Wort soll die Tatsache umschreiben, obwohl es aus einer seltsamen Abwandlung einer ursprünglich durchaus anders gerichteten Feststellung entstanden ist, gegen die sich heute der Wille der Völker energischer denn je richtet. Inter arma silent leges, wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze, war die gewichtigere Urform, die heute von einer strengeren Zeit in die gegenteilige Maxime gewandelt wird: auch wenn die Waffen sprechen, gelten die Gesetze, und wer sich berechtigt glaubt, die überhören zu dürfen, stellt sich außerhalb ihres Bereichs.

In gleicher Weise erleben wir wieder einmal die Ungültigkeit auch der abgeleiteten Formel von den Musen, den Künsten, die unter der Herrschaft des Krieges schweigen. Sie verstummen so wenig wie Recht und Gesetz: es ist sogar so, daß die großen geistigen Bewegungen des Völkerlebens selbst von den größten Kriegen unberührt weitergehen, daß der Weltgeist an seiner Verwirklichung im sinnvoll Dauernden zäher festhält als an der einmaligen Auswirkung in der rasch vorübergleitenden Tat. Die napoleonischen Kriege rüttelten Europa durcheinander: die Wellenzüge der geistigen Geschichte gingen ungestört von ihnen weiter; es blieben keine Spuren in den Bereichen, in denen weniger vergängliche Mächte als die Waffen herrschen. Der Krieg von 1939 raste mit noch viel elementarerer Wucht über die Welt: kaum sind seine ersten Spuren getilgt, wird sichtbar, daß das entscheidende Leben, jenes, um dessentwillen das Leben sich lohnt, ungebrochen seine Bahnen weitergezogen ist, ohne vom Zwischenspiel der Zerstörung und Vernichtung berührt zu werden. Der zuweilen ins Wanken geratene Glaube an einen Lebenssinn erhält von hier aus schon jetzt Festigung und neue Kraft.

Einer der interessantesten Prozesse der letzten Jahre vor dem Kriege war die langsame Entdeckung tief wirklichen Grillparzer. Nicht seine Wiederentdeckung. sondern die erste Erfassung seines eigentlichen Wesens, das ein Jahrhundert lang von wunderlichen Nebeln überdeckt verborgen geblieben war, weil der Dichter noch in eine Welt geboren war, mit der sein Wesen im Grunde wenig mehr zu tun hatte. Das zeitliche Schicksal der Geburt und unvorsichtige eigene Worte über sein Wollen und seine Ziele hatten ihn in die Welt der Klassik neben Goethe und Schiller gestellt: so wurde sein Werk früh schon ihnen zugesellt, an ihnen gemessen. Das Ergebnis war die Formel vom Klassizisten Grillparzer und das böse Wort vom Stearin, aus dem seine Griechendramen von Sappho und Hero und Leander im Gegensatz zum Goetheschen Marmor der Iphigenie gebildet hätte.

Der Wandel begann mit dem letzten Drama Grillparzers, dem Bruderzwist und seiner Eroberung für die Bühne: was sieben Jahrzehnte in fast völliger Vergessenheit geruht hatte, erwies sich als eine der großartigsten Dichtungen der deutschen Geschichte, als erschütterndes Bild aus einer Epoche, die über das deutsche Schicksal ähnlich für Jahrhunderte entschieden hatte, wie heute die Gegenwart. Die anderen Dramen des Historiendichters Grillparzer reihten sich an; die jüngeren Werke blieben im Schatten. Bis eine Aufführung der Herotragödie mit Paula Wessely zeigte, wie falsch die Vorstellung vom Klassizisten Grillparzer neben dem Klassiker Goethe gewesen war. Der Staub fiel; aus seinem Schatten erhob sich eine lebendige Menschenwelt voll Blut und Schicksal; man erkannte staunend, daß dieser Österreicher der erste Mann moderner Gestaltung des Seelischen neben und in vielem vor Kleist gewesen war. Der Klassizist Grillparzer erwies sich als der erste moderne Dramatiker der deutschen Bühne; mit ihm begann die Welt von heute, während die Zeitgenossen und das 19. Jahrhundert ihn als den letzten zur Vergangenheit von Weimar zu stellen versucht hatten.

Ein Drama blieb von dieser neuen Betrachtung bisher unberührt, "Sappho", das Seitenstück zu "Des Meeres und der Liebe Wellen". Diese Tragödie schien unter der alten Deutung bleiben zu sollen, sie schien wie Iphigenie aus der Sehnsucht nach dem Land der Griechen gewachsen und unlösbar der Winckelmann-Welt und damit der Vergangenheit zu gehören. Bis jetzt eines der kleinen neuen Theater, die aus der Not der Nachkriegszeit entstanden, sich an dies vielleicht schwierigste Drama wagt, es mutig auf seiner winzigen Bühne herausstellt und dabei zum ersten Male sein wahres Gesicht so enthüllt, daß man glaubt, eine neue unbekannte Dichtung zu erleben. Wieder fällt ein Stück Zeitschicksal vom Bilde des Dichters Grillparzer ein Schicksal, das im Fall der Sappho von einer heimlichen Grausamkeit gewesen war, die man erst von dieser Aufführung aus in ihren! ganzen Ausmaß erfaßt.

Sappho war das Drama Grillparzers, das, obwohl tragisch angelegt, in der Verwirklichung auf der Szene fast immer einen leisen Komödienzug bekam. Die Dichterin Sappho, die sich vom Sieg in Olympia den jungen schönen Phaon mitbringt, den sie liebt und der sich dann daheim in Lesbos schleunigst in ihre junge Sklavin Melitta verliebt, sich von Sappho und ihrer fraulichen Reife abkehrt zu dem schlanken Mädchen, also daß der Verlassenen nichts als der Tod in den Fluten des Meeres bleibt, – das streifte in der Anschauung der Bühne gar zu nah an die Komik der Alternden, die unter der Schadenfreude der Zuschauenden auf und vor der Szene die Jugend an die natürliche stärkere Bindung einer anderen Jugend verlieren muß. Es war alter, geheiligter Brauch für die Rolle der Sappho, eine Heroine einzusetzen, ja es gab Aufführungen, die bewußt das Moment des äußeren Gegensatzes zwischen Melitta und Sappho für die Wirkung auf die Zuschauer und ihre heimliche Schadenfreude einsetzten. Vor die Tragödie schob sich ein zum wenigsten halbes Lachen, wenn das Leben wieder einmal einen verspäteten Traum zum Schicksal aller Träume verurteilte.

Das kleine Rheingau-Theater in Friedenau, bisher ein Kino, hat das Verdienst, die Tragödie aus dieser Situation gelöst und damit beinahe zum ersten Male nach weit mehr als hundert Jahren die wirkliche Sappho Grillparzers gezeigt zu haben. Hilde Körber war es, die für den Dichter diesen Schritt tat, indem sie von der falschen Tradition zurückging auf die richtige Wirklichkeit des Dramas und da wieder anknüpfte, wo das Werk einmal seinen ersten Erfolg gehabt hatte, nämlich bei der Richtigstellung der Altersverhältnisse zwischen Sappho und Melitta. Sie stellte neben das junge Mädchen eine ebenso junge Sappho, nicht eine Heroine an den Grenzen des reifen Alters, sondern eine zarte, schmale junge Frau, die ebenso ein Stück Jugend, ebenso liebenswert ist wie Melitta. Sie gab der Tragödie zurück, was Grillparzer von ihr gedacht hatte, das Gleichgewicht der weiblichen Wirkung, von den? er ausgegangen war, und das sich erst, ein echte; Grillparzerschicksal, langsam und unvermerkt im Laufe des Erfolgs der Tragödie verloren hatte.

Es blieb Hilde Körber vorbehalten, das Stück aus der leichten. Unwürdigkeit seines Daseins an den Grenzen der Komik zu befreien und es zu seiner eigentlichen tragischen Wirklichkeit zurückzuführen, zur Tragik der Frau, die es nach Lessings Wort auch einmal so gut haben möchte wie andere Menschen, nämlich Frau sein, lieben, leben, und die erkennen muß, daß das Schicksal, ein besonderer, ein künstlerischer Mensch zu sein, hart und unerbittlich ist. Es gibt keinen Rückweg aus der einen Welt in die andere, jeder Versuch, aus der Dichtung ins Leben auszuweichen, ist Verrat an der Bestimmung, den die Götter rächen. Grillparzer formulierte selbst den Sinn des Dramas einmal dahin, es zeige das malheur d’être poète; man vergaß das Wort und bereitete der Tragödie das seltsame Los der Verlagerung ins Äußere. Es spricht für ihre Kraft, daß sie trotzdem bis heute weitergelebt hat; es bleibt das Verdienst der Schauspielerin Hilde Körber, auch dieser Dichtung ihr wahres Gesicht zurückgegeben zu haben. Auf der kleinen Bühne in Friedenau erlebte man in dieser Aufführung ein Stück wesentlicher Theatergeschichte und späten Ausgleich eines Unrechts, das weder das Werk noch sein Dichter verdient hat. Paul Fechter