Von Martin Beheim-Schwarzbach

Martin Beheim-Schwarzbach ist als erster von denen, die der Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieb, zu uns zurückgekommen. Wir freuen uns, daß wir heute bereits einiges aus seinen Werken bringen können die in England entstanden sind, und die dennächst im Verlag von Hans Dulk in Hambug erscheinen werden.

Wenn wir unser Ohr zu legen suchen an die stürmischen Qualen, die manchen schon widerfuhren, und manchen, die wie zu einem schaudervollen Ehrenamt aufgerufen scheinen, je und je weiter widerfahren, so ist uns, als seien wir dieses Lauscheramt denen schuldig, die den Fluch des Weges durchs Fleisch auskosteten und durch das ungläubige Gedenken, das man ihnen flüchtig widmet, nur so lachhaft unvollkommen entschädigt werden. (Das Gedenken! Wem fiele es wohl ein, wenn eines leiblich Gefolterten gedacht würde, es wäre ihm eine Art Trost? Aber eines seelisch Gequälten zu gedenken, das als einen Trost zu betrachten, kommt uns nicht so abgelegen vor.)

Wir entsinnen uns der greulichen Kuren, die ältere Zeiten anwenden mußten, um der Krankheit zu begegnen. Ein moderner Mensch würde eher zu sterben einwilligen, als sich ohne Betäubung ein Glied amputieren zu lassen. Das Gefühl, solchen Methoden entronnen zu sein, ist eins der intensivsten Glücksgefühle unserer Zivilisation, freilich eins, das wir uns selten bewußt machen.

Wir durchgehen die Welt der Fabeln und Sagen und stoßen auf fabel- und sagenhafte Namen und Qualen; aber wir trösten uns mit der Überlegung, dies seien Ausgeburten der Phantasie oder Symbole. Doch wenn wir auch nicht glauben, daß der Adler dem Prometheus wirklich täglich von neuem die Leber wegfraß, oder daß Buddha sein eigen Fleisch herausschnitt, um die Taube vom Räuber loszukaufen – worin ja nur Symbole für Weltgeheimnisse geschaffen sind –, so will doch dieser Trost nicht mehr verfangen, wenn wir des Martertodes der makkabäischen Jünglinge und ihrer Mutter gedenken, oder jenes korrupten römischen Beamten, dem Mithridates geschmolzenes Gold in den Mund gießen ließ, und all der andern zahllosen Greuel der artiken Geschichte; und so wissen wir doch, daß die Kreuzigung wirklich war, mitsamt ihrem Nachspiel, das die beiden Schacher erlitten, indem man ihnen, weil sie nicht rechtzeitig tot waren, mit Stangen die Knochen zerschlug. Und die Zahl der Skla/en, der Gefangenen und Verbrecher, die solches und noch Ärgeres erlitten, ist Legion und aber Legion. Die Dinge, die sich Menschenhirne ersonnen haben, um Menschenleiber zu martern, sind so, daß wir kaum noch geneigt sind, die bloße Kreuzigung als etwas Unfaßbares anzusehen, zumal das Kruzifix uns das Ganze zu einem süßlichen Nebel verwischt. Und wer vermöchte wohl auch, und hätte den Mut, sich eine so genaue Vorstellung davon zu machen, wie jene, die der stigmatisierten Therese in der Verzückung auferlegt ward. Schien es doch dem Kaiser Nero, oder dem Hofbeamten, der es vorgeschlagen haben mag, für angezeigt, die althergebrachte Marter, die offenbar bereits für langweilig galt, zu verbessern, indem er die Opfer nicht nur ans Kreuz nageln, sondern noch mit Pech bestreichen und anzünden ließ. Und es wurde seither Besseres und noch immer Besseres geleistet. Das Zerbrechen der Knochen auf dem Rade, das langsame Einsenken in siedendes Öl, das Pfählen, Vierteilen, Durchsägen und Entdärmen, und immer wieder jene Marter, die man wegen ihrer Simplizität und Unüberbietbarkeit die klassische nennen möchte, die des Scheiterhaufens, der wirklicher Flamme, wie Jeanne d’Arc sie erlitt, ohne den Verteil der Garottierung oder des erstickenden Rauches – von ausgeklügelten asiatischen Methoden denn doch endlich ganz zu schweigen Unsere eigenen abendländischen Grenzen und Hirne fassen genug und übergenug. Wir versenken uns ehrfürchtig in sie alle, nicht einmal des Trostes teilhaftig, dies seien Ausgeburten der Vergangenheit, barbarischer Zeiten: denn noch Deutsche des zwanzigsten Jahrhunderts, Leute der unvergeßlichen zehn, zwölf Jahre, die als Auftakt von tausend gedacht waren, verfielen darauf, einen Haken durch das Kinn des Gefangenen zu treiben und ihn daran aufzuhängen, bis er den Geist aufgab, so daß wir also nicht annehmen können, es habe mit althergebrachten Erfindungen sein Bewenden.

Das Zeitalter der Humanität, das eine lange, mühsame, fruchtbare Periode abendländischer Bildung und Gesittung zu krönen schien, ist vorüber. Ein Geschlecht ist hochgekommen, Gott weiß aus welchen Abgründen, das es sich zum Ideal gesetzt hat, hart zu sein und keine Gefühle zu haben, keine zarten und feinen jedenfalls, sondern nur wüste, Gefühle der Exaltation und vor allem des Hasses, zischende Gefühle, die sich mit Schaum vorm Munde ausleben; ein Geschlecht von Schelmen, die das Menschenleben nicht mehr zu achten gesonnen ist, jedenfalls nicht das fremde, und welchem das Leben Andersrassiger und Andersdenkender nicht mehr als ein Mückenschwarm oder Ameisenhaufen ist, den man im großen Stile ausräuchert. Ein Geschlecht, das sich heldisch dünkt und nichts als roh ist.

Die verstaubten und verrosteten Folterkammern mittelalterlicher Dunkelheiten, die man schon als unglaubhafte, kuriose Sehenswürdigkeiten für Geld zeigte, sind zu neuem Leben erwacht. Sie sind modernen Bedürfnissen zugeschnitten. Die eisernen Jungfrauen sind zu schwerfällig und gravitätisch, dem Delinquenten zuviel Ehre, man hat die Leistungen der Technik zur Verfügung, kann mit Gas und Elektrizität arbeiten, Gelbkreuz und Blaukreuz, Gleichstrom und Drehstrom, aber viele der alten, einfachen, unverwüstlichen Requisiten sind brauchbar nach wie vor; und vor allem: diese Kammern sind für Massen zugeschnitten und ähneln Fabrikbetrieben. Die Kammern werden zu Sälen, Torturen werden am laufenden Band ausgeführt, Schornsteine, rauchen, Kräne raffen die Leichenhaufen zusammen. Ein Inferno, das alles in den Schatten stellt, was danteske Phantasien je haben aussinnen können. Und Armeen von Helfern, abgestuft nach Rang. Dienstalter, Saalschlachtbewährung, eine Hierarchie von Folterknechten sind mit Feuereifer, mit aufgekrempelten Ärmeln und feisten Witzreden daran tätig. Das ist es! Nicht die Opfer, die Täter sind die Klippen der Schöpfung. Es wird von Augenzeugen berichtet, daß die Opfer sich nicht einmal mehr wehren, durch zuviel Höllen sind sie schon geschleift worden, sie begrüßen den Tod. Freilich, der Höllenlärm in den vollgepackten Gassälen, wenn das Gift einströmt, zeugt davon, daß zwischen Sterbensbereitschaft und Sterben ein Abgrund klafft.