Von Heinrich Herzberg

Mehr als ein Jahr befreites deutsches Kulturleben: mehr als ein Jahr deutsches Kulturleben In Fesseln! Die Fesseln waren anderer Art als die zwölf Jahre vorher. Der Geist war jetzt frei, was fehlte, war das Materielle. Vorher hatte es sich umgekehrt verhalten. Vorher ein gewaltsames Schwimmen gegen die Zeit, jetzt die Hingabe an Gegenwart und Zukunft. Damals: der kalte Triumph des Antiaktuellen. Heute: aufatmende, Kräfte sammelnde und Kräfte lenkende Aktualität.

Aktualität? Sie müßte eindeutig sein, wenigstens in ihrer Richtung. Aber was man für wirkungsvoll aus der Zeit oder für die Zeit hielt, schillerte in vielen Farben, wechselte, widersprach sich. Das Jahr Kulturleben nach dem Waffenstillstand war das Jahr des Suchens nach dem Aktuellen. Ergebnis: wir wissen noch nicht, was uns nottut.

Aktuell erschien zuerst das, was mit 1933 abgeschnitten wurde: die sogenannte "entartete" Kunst. Unsere großen Expressionisten tauchten wieder auf und bereiteten den Älteren Wiedersehensfreude, die Jüngeren ließen sie kalt. Was einst revolutionär gewesen war, stand als nunmehr abgeschlossener historischer Prozeß vor uns auf.

Gab es keine Brücke von ihnen zu uns? Doch, in jüngeren Künstlern, in denen die Lehre von der unabhängigen Kunst Spätblüten hervorbrachte. Spätblüten, die gern für Frühblüten gehalten wären. Anfangs gab es heftige Diskussionen um diese "junge Kunst, die jung nur in ihren Vertretern, alt jedoch im Sinne ihrer Existenz war. Die Diskussionen arteten allmählich in Routine aus. Sie beschränkten sich mehr und mehr auf Randerscheinungen und lösten sich auf in Gerede um Interessen oder Begriffsspalterei. Nun ist auch auf diesem Felde wieder Ruhe eingetreten.

Das Theater verzehrte sich in Sehnsucht nach dem Zeitstück. Noch zu sehr hatte man, wenigstens die ältere Generation, das Zeitstück nach 1919 in Erinnerung. Sorge, Toller, Kaiser, Sternheim hatten damals die Geister gepackt und mobil gemacht in Richtung auf eine ekstatisch aufgefaßte oder etwas verschwommene Allmenschlichkeit. Die Zeitstückautoren von 1946 – die Friedrich Wolf, Günter Weisenborn, Fred Denger, Horst Lommer – rechnen ab. Die Dichter von 1919 schauten in kommende Zeiten, die von 1946 lenken die Blicke nach rückwärts. Das ist gefährlich. Vor 25 Jahren kam immerhin ein Lyrismus um Zukünftiges heraus, heute geht es um Ressentiment. Gewiß mit kämpferischen Spitzen und Absichten, aber sie beziehen sich auf etwas Gewesenes. Wollte man sie als aktuell auffassen, so müßte man verzweifeln. Wir können so gar nicht diese Art der Menschenbetrachtung gebrauchen, wo wir wissen, daß der Mensch selbst sich noch nicht sehr geändert hat, sich nicht so schnell ändern konnte ... Bleibt für die Massen das Vergnügen am Ressentiment, drastisch gesagt am Wiederkäuen. Auch das muß sein. Aber es darf nicht zu lange dauern, denn der Mensch ist kein Wiederkäuer.

Als aktuell aber müßte sich die Verkündung und Erläuterung des demokratischen Programms erweisen, so meinte man. Sei es auf dem Theater, im Film oder in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, in der Broschüre – das Buch schied ja zunächst so gut wie ganz aus. Richtig, wenn es dosiert verabreicht würde. Seit Jahrzehnten ist das deutsche Volk in seiner Empfänglichkeit für Politisches malträtiert worden. Narben und Wunden sind entstanden, Schwächen blieben zurück. Viele Deutsche krümmen sich abweisend zusammen, wenn sie heute nur von fern etwas von politischer Programmatik wittern, und sei sie auch noch so gut gemeint. Selbst dann, wenn sie der eigenen Überzeugung entgegenkommt. Ist anders der matte Erfolg von Georg Kaisers herrlichem "Der Soldat Tanaka" zu erklären, die kühle Aufnahme, die im ganzen auch Ardreys "Leuchtfeuer" fand?