Die militärische Besetzung Ägyptens durch die Streitkräfte Seiner Majestät ist beendet." So lautete der Artikel 1 des englisch-ägyptischen Vertrages vom 26. August 1936. Mit diesem Vertrag, der den Status Ägyptens umwandelte in den eines Verbündeten Englands, war praktisch das zähe Ringen zweier Jahrzehnte um die ägyptische Unabhängigkeit zu einem erfolgreichen Abschluß gekommen. Im Artikel 4 des gleichen Vertrages errichteten beide Staaten gegenseitige Botschaften in ihren Hauptstädten und verpflichteten sich, auch in ihren Beziehungen zu dritten Staaten keine Haltung einzunehmen. die mit dem Bündnisvertrag unvereinbar wäre. Für den Fall, daß einer der beiden Verbündeten in einen Krieg verwickelt werde, verpflichtete sich der andere, ihm zu Hilfe zu kommen. Die Verpflichtungen Egyptens insbesondere wurden dahin festgelegt, daß es auf ägyptischem Boden England alle in seiner Macht liegenden Erleichterungen und Unterstützungen, einschließlich des Gebrauchs seiner Häfen, Flugplätze und Verkehrsmittel, zu gewähren und alle jene administrativen und gesetzgeberischen Maßnahmen, einschließlich des Standrechts und der Zensur, durchzuführen hatte, die nötig seien, um diese Hilfe wirksam zu machen.

Mit diesem Vertrag hat England den Schutz des Suezkanals und damit des britischen Verbindungsweges nach Indien gesichert. Die mit dem Abessinien-Feldzug Italiens heraufdämmernde Bedrohung, die anderseits gerade den Abschluß des englischägyptischen Vertrages gefördert hatte, hatte dieses britische Interesse noch unterstrichen. Ägypten mußte es daher in Kauf nehmen, daß die militärischen Klauseln des Vertrages trotz des klaren Wortlautes des Artikels 1 eine Einschränkung enthielten, die das Erreichte nach Ansicht ägyptischer Nationalisten immer noch unvollkommen erscheinen ließ. Es wurde vereinbart, daß bis zu der Zeit, in der die ägyptische Armee selbst in der Lage sein werde, den alleinigen und vollständigen Schutz des Suezkanals gegen jeden Angriff zu übernehmen, England das Recht haben sollte, Truppen in der Kanalzone zu unterhalten. "Die Anwesenheit dieser Truppen soll keineswegs eine Besetzung darstellen und soll in keiner Weise die souveränen Rechte Ägyptens präjudizieren", wurde im Artikel 8 ausdrücklich festgestellt und zugleich vorgesehen, daß nach Ablauf von zvanzig Jahren die Frage entschieden werde, ob die Anwesenheit britischer Truppen infolge der Fähigkeit der ägyptischen Armee, selbst den Schutz des Kanals zu sichern, nicht länger nötig sei. Die Zahl der britischen Streitkräfte wurde auf 10 000 Mann Landtruppen und 400 Piloten zuzüglich des nötigen Bodenpersonals und der Verwaltungskräfte begrenzt: Im Anhang zum Artikel 8 wurde genau die Kanalzone festgelegt, innerhalb deren sich die britischen Truppen aufhalten sollten. Gleichzeitig verpflichtete sich die ägyptische Regierung zum Bau einer Anzahl großer Straßen und Brücken vor strategischer Wichtigkeit, vor allem von Ismailia nach Alexandria, Ismailia nach Kairo, Kairo nach Suez und Port Said nach Suez, von Kairo nilaufwärts nach Kena und Kus sowie von Kena nach Hurghada. Bestimmte Flächen wurden außerdem den britischen Truppen für Manöverzwecke zur Verfügung gestellt.

Aber es gib noch zwei wichtige Punkte, in denen der Vertrag von 1936 sich mit den ägyptischen Forderungen auseinanderzusetzen hatte. Da war einmal das System der sogenannten Kapitulationen und und zweiten; die Sudan-Frage. Die Kapitulationen waren ein Ehe aus der Zeit der Sultane des ottomanischen Reiches. Sie sicherten den Angehörigen gewisser auswärtiger Mächte besondere kommerzielle Vorrechte zu, befreiten sie von allen Steuern, denen ihre Regierungen nicht ausdrücklich zugestimmt hatten, garantierten ihnen die Unverletzlichkeit des Heims und den Schutz vor Verhaftung sowie die Rechtsprechung durch eigene Gerichte. Der letzte Punkt wurde 1876 durch die Errichtung gemischter Gerichtshöfe in Kairo, Alexandria und Mansurah, mit einem Apellationsgericht in Alexandria, abgeändert. Die Ernennung der gemischt aus Fremden und Ägyptern bestehenden Gerichtshöfe hatte nominell durch die ägyptische Regierung zu erfolgen; praktisch jedoch hatte sich der Brauch eingebürgert, daß die Regierung in Kairo die auswärtigen Mächte aufforderte, ihnen geeignet erscheinende Männer namhaft zu machen.

Dem Nationalstolz der Ägypter erschien, die ganze in den Kapitulationen enthaltene Sonderbehandlung der Fremden unerträglich, und es gab keine Verhandlungen zwischen London und Kairo, in denen von ägyptischer Seite nicht gegen die Kapitulätioren Sturm gelaufen worden wäre. Im Vertrag vor 1936 erkennt England im Artikel 13 ausdrücklich an, daß die Kapitulationen nicht mehr zeitgemäß und dem Zustand Ägyptens nicht mehr angemessen seien. Mit dem erklärten Ziel, baldmöglichst zur endgültigen Abschaffung der Kapitulationen zu gelangen, wurde daher eine Übergangsregelung vereinbart, während deren Dauer die gemischten Gerichtshöfe noch in Kraft bleiben sollten. Nach Erlöschen dieser Übergangsregelung sollte die ägyptische Regierung auch hinsichtlich des Fremdenschutzes jene volle Souveränität erhalten, die ihr grundsätzlich bereits im Artikel 12 des Vertrages zuerkannt war.

Für den Sudan endlich wurde, vorbehaltlich künftiger Neuregelungen, im Artikel 11 des Vertrages jenes anglo-ägyptische Kondominium über den Sudan wiedererrichtet, das zuerst im Jahre 1899 nach der gemeinsamen, unter Kitcheners Führung durchgeführten Rückeroberung des Sudans aus der Hand der Derwische gegründet worden war. Damals war vorgesehen, daß der höchste Beamte im Sudan stets ein Brite, nämlich der Generalgouverneur sein sollte, wie England auch die Mehrzahl der Verwal-– tungsbeamten stellen sollte, während das Personal von Polizei und Armee in erster Linie auf die Ägypter entfiel. Auch die Kontrolle des Nils, das Fundamentalinteresse Ägyptens am Sudan überhaupt, unterstand dem ägyptischen Ministerium für öffentliche Arbeiten. Im Vertrage von 1936 wurde nun ausdrücklich festgesetzt,’ daß der ägyptischen Einwanderung im Sudan keine Beschränkungen auferlegt werden, es sei denn aus Gründen der öffentlichen Ordnung und Gesundheit. Weiter wurde bestimmt, daß volle Gleichberechtigung im Sudan zwischen britischen und ägyptischen Staatsangehörigen sowohl in kommerzieller Beziehung wie in der Frage der Einwanderung und des Besitzes herrschen soll.

Das ist in seinen Hauptpunkten jener Vertrag von 1936, um dessen Revision es jetzt bei den Verhandlungen in Kairo geht. Mit dem durch den Zusammenbruch der Dreierpaktmächte entstandenen Fortfall der militärischen Gefahr für den Suezkanal lebte der ägyptische Wunsch, nunmehr auch die letzten Einschränkungen der nationalen Souveränität zu beseitigen und eine Revision des Vertrages von 1936 zu erreichen, wieder auf. Gestützt auf die Dienste, die Ägypten England auch in diesem Kriege geleistet hat, und im Bewußtsein einer Entwicklung, die unaufhaltsam ist, zeigt man heute auch in London ein Entgegenkommen, das früheren Diskussionen in diesem Umfang fremd war. Schon scheint die völlige militärische Räumung Ägyptens einschließlich der Suezkanalzone beschlossene Sache zu sein, wobei sich britische Labourkreise der konservativen Opposition gegenüber darauf berufen, daß angesichts der im letzten Kriege erhärteten entscheidenden Rolle der Luftwaffe auch die Verteidigung des Suezkanals ganz andere taktische und strategische Aspekte erhalten hat als früher, so daß entsprechende Luftstützpunkte auf der Sinai-Halbinsel die frühere Kräftegruppierung in der ägyptischen Zone überflüssig machen. Demgegenüber betont die Opposition in England, daß die Entfernung britischer Truppen aus den großen Städten wie Kairo und Alexandria ein gerechtfertigtes ägyptisches Verlangen sei, daß dagegen die Kanalzone kein ausgesprochen ägyptisches "Wohngebiet" sei und die Anwesenheit britischer Truppen in dieser Zone nach wie vor eine stillschweigende, aber wirksame Warnung gegenüber jedem möglichen Angreifer bleibe. Nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen kann man mit der Erfüllung der ägyptischen Wünsche in dieser Frage rechnen, und auch die Klage Churchills, man habe wertvolle Trümpfe von vornherein aus der Hand gegeben, spricht dafür.

Schwieriger ist eine Befriedigung der ägyptischen Wünsche in der Sudan-Frage. Soweit es sich um die sudanesische Bevölkerung handelt, sind die Ägypter auch heute noch vorbelastet durch die Erinnerung an eine Mißwirtschaft, die von der an Grausamkeit kaum zu überbietenden ägyptischen Herrschaft vor dem Mahdi-Aufstand über den Sudan getrieben wurde. Der ägyptische Wunsch, zur restlosen Sicherung der Nilwasser-Kontrolle den Sudan dem ägyptischen Hoheitsgebiet einzuverleiben, findet im Sudan selbst keine freundliche Aufnahme. Aber auch nach britischer Ansicht geht dieser Wunsch über das Notwendige hinaus. Nachdem es als wissenschaftlich erwiesen gilt, daß eine genaue Bewirtschaftung der Nilwasser – bei der, grob gesagt, der Weiße Nil für die Bewässerung Ägyptens, der Blaue für die des Sudans in Betracht kommt – allen Ansprüchen gerecht zu werden, imstande ist, vermag nach britischer Auffassung ein neuer Nilvertrag den Ägyptern die gleichen Garantien zu bieten, die sie nur in der Ausübung der staatlichen Souveränität über den Sudan erblicken. Für England, das die entscheidende Rolle des Nilwassers für das Leben der Ägypter durchaus anerkennt, bedeutet die erstrebte Kontrolle nicht die staatliche Souveränität, deren praktische Verwirklichung angesichts einer Gesamtlänge des Nils von rund 3500 englischen Meilen, von denen nur 1000 auf ägyptischem Gebiet liegen, ohnehin höchst problematisch würde. Auch die widerstreitenden Interessen des fallachischen Baumwollanbaus in Ägypten und des durch das britische Gezira-Plantagensyndikat geförderten Baumwollanbaus im Sudan haben im Streit um die Nilwasser oft genug ihren Ausdruck gefunden. Die Reichlichkeit dieser Wasservorräte hat diesem Streit in den letzten Jahren allerdings viel von seiner Schärfe genommen. Aber die Forderung Ägyptens nach der Souveränität über das Niltal bis zum Quellgebiet hat auch sie nicht zum Verstummen gebracht. Die praktische Unerreichbarkeit wird diese Forderung auch bei den gegenwärtigen Verhandlungen in Kairo in einem Kompromiß enden lassen.

H. A. v. De.