Von Gerhard Schulz-Wittuhm

Zu unseren Ausführungen über "Zentralismus und Demokratie" geben wir dem Leiter der Straßenbau-Verkehrs-Generaldirektion in Bielefeld das Wort.

Das Reich ist zerschlagen, und Deutschland existiert nicht mehr als Staat. Aber Deutschland selbst ist da, und es in die Gemeinschaft der Völker zurückzuführen, ist die Aufgabe, die sich die Siegermächte gestellt haben. Sie haben in den Potsdamer Beschlüssen eindeutig erklärt: Deutschland Ist eine Einheit und soll es bleiben. Sie haben deshalb auch die allmähliche Überleitung gewisser zentraler Stellen in die deutsche Hand in Aussicht genommen. Dahin geht das Ziel unserer Arbeit.

Mit an erster Stelle der Aufgaben, die Deutschland die Möglichkeit geben sollen, als Gesamtheit aufzutreten, steht der Verkehr. Dies ist nicht von ungefähr, denn nur wenn es uns gelingt, die heute zerrissenen Verkehrslinien wieder zu knüpfen, kann eine europäische Völkergemeinschaft existieren. Die Wege von Nord- nach Südeuropa und die von West- nach Osteuropa führen durch Deutschland. Die Verkehrsleute werden die ersten sein, die mit den übrigen europäischen Völkern gemeinschaftlich diese Verkehrsströme wieder zum Fließen bringen werden. "Verkehrspolitik" kann nur von einer Stelle geleistet werden, die in der Lage ist, die verschiedenen Meinungen der einleben Gebiete Und Landschaften der Völker der Welt und der Völker Europas in einen einheitlichen Willen und eine Richtung zu steuern. Diese Aufgabe umfaßt alle Verkehrsträger gleichermaßen, die Eisenbahn und den Straßenverkehr, die Binnenschiffahrt und die Verbindung mit der Welt, die die Hochseeschiffe herstellen.

Eine solche Aufgabe darf mit dem alten Zentralismus, der seinen Höhepunkt im Dritten Reich gefunden hat, nicht verwechselt werden. Sie ist so groß, daß neben ihr die Kräfte, die der Schaffung der Voraussetzungen für diese Aufgabe zu dienen haben, ihre volle Entfaltungsmöglichkeit, nicht nur erhalten, sondern der Gestaltungswille und die Fähigkeit, lokal die Probleme zu meistern, in vollem Umfange zur Geltung kommen können. Die Fülle der Probleme ist so bedeutend, daß sie nur bewältigt werden kann, wenn jeder an seinem Platz sich bemüht, in vollem Umfange alles zu tun, daß die große Linie, die die Verkehrspolitik vorschreibt, durchgeführt werden kann.

Wir stehen erst am Anfang dieser Arbeit. Das Verkehrs-Staatssekretariat steht noch nicht. Deshalb müssen im Rahmen des heute Möglichen Stellen da sein, welche Vorarbeiten für die Verwirklichung dieses Zieles leisten. Deshalb und nur zu diesem Zweck sind in den Zonen zentrale Verkehrsstellen geschaffen worden. Ihnen liegt es völlig fern, da sie keine Zeit haben, sich mehr um die lokalen Dinge zu kümmern, als es notwendig ist, die Voraussetzungen für die große verkehrspolitische Aufgabe, die ihnen gestellt worden ist, zu lösen und zu schaffen. Ohne Kenntnis der letzten Verästelungen im deutschen Verkehr ist es nicht möglich, den völkerverbindenden Verkehr über die Grenzen Deutschlands und durch Deutschland hindurch wieder zum Fließen zu bringen.

Wer diese Gedankengänge erfaßt hat, wird kaum die Deutsche Reichsbahn zerschlagen und sie zu dem Handwerkszeug nur lokaler Machtinteressen herabwürdigen wollen. Niemand, der dieses Ziel als notwendig erkennt und eine wirklich demokratische Völkergemeinschaft anstrebt, glaubt im Ernst, daß seine örtlichen Interessen damit bedroht sind und daß eine zentrale Verkehrslenkung dazu führt, daß etwa die Regie der städtischen Straßenbahnen auf eine solche Zentralbehörde übertragen werden soll oder daß eine solche Zentralstelle durch eigene Bauämter die Straßen in den Provinzen oder sogar in den Gemeinden bearbeiten will. Aber wenn wir wieder in die Gemeinschaft der Völker aufgenommen werden wollen; wenn wir als deutsches Volk in dieser Gemeinschaft bestehen und leben wollen, können wir uns von den Aufgaben der Welt nicht ausschließen, sondern müssen die Fäden knüpfen, die besonders der Verkehr zwischen den Ländern bietet. Das ist nicht Demokratie, wenn man jedem Versuch, wieder deutsche Politik zu treiben und in ihren Dienst den völkerverbindenden Verkehr einzubauen, in einer völlig unangebrachten Furcht vor dem Zentralismus mit dem Hinweis begegnet, daß den örtlichen Interessen und nur diesen die Suprematie gebührt.