Stuttgart, dessen Stadtkern durch die Bombenangriffe schrecklich verstümmelt worden ist, ist dennoch eine glückliche Stadt. Sie verfügt, wie ihr Oberbürgermeister kürzlich in einem Rechenschaftsbericht mitgeteilt hat, über "erhebliche Reserven an wichtigen Lebensmitteln. Jeder dritte Stuttgarter hat einen Bezugschein für Schuhe bekommen! Auch Wäsche, Möbel und Hausrat sind "in großen Mengen" ausgegeben worden, und im Laufe eines guten halben Jahres wurden 3327 Wohnungen mit 9210 Zimmern wieder instand gesetzt. Die Schwaben sind eben tüchtige Leute: fleißig, organisationsbegabt und, bei aller Querköpfigkeit, auch organisationswillig. Und sie haben das Prae einer sehr gesunden Bevölkerungsschichtung, Siedlungs- und Besitzstruktur für sich, bei der fast jeder Industriearbeiter über einen kleinen Landbesitz verfügt, der ihn krisenfest macht und, was fast noch wichtiger ist, selbstsicher und tätig erhält.

Wie gut es in Württemberg aussieht, das können wir uns in der britischen Zone kaum vorstellen. – Wissen Sie, beispielsweise, daß es da Zwirn und Nähgarn genug gibt? Daß also dort kein Mann von der Sorge gepeinigt wird, wie er seine Knöpfe an Rock und Hose und Hemd funktionsfähig und in guter Ordnung erhält? Die Schwaben haben sogar so viel Zwirn, daß sie noch davon verkaufen können: beispielsweise nach Thüringen, in einer Art Kompensationsgeschäft, bei dem die Lieferungen aus dem Südwesten (neben Näh- und Stopfgarn) aus Autozubehör und -Ersatzteilen, Werkzeugmaschinen und Präzisionsinstrumenten bestehen, während Thüringen dafür Zellwolle, Glas- und Porzellanwaren, Töpfe und andern Hausrat liefert. Ein gesundes Geschäft; Ob die britische Zone nicht ähnliche Geschäfte abschließen könnte, damit unsere Hausfrauen nun endlich einmal ein paar Töpfe und ein wenig Zwirn in die Hand bekommen?

Am besten aber ist Württemberg mit seinem Finanzminister daran. Er hat rechtzeitig auf die Härten der neuen Steuergesetze hingewiesen und es durch Vorstellungen beim Kontrollrat, die er gemeinsam mit seinen südwestdeutschen Kollegen erhoben hat, auch erreicht, daß Übergangsbestimmungen für die Lohn-, Einkommen- und Vermögensteuer erlassen wurden; darüber hinaus ist eine Revision der "in ihrer Auswirkung uneinheitlichen neuen Steuergesetze" zugesagt. Hier in der britischen Zone haben wir von einer solchen Aktivität noch nichts gehört. Das einzige, was von zuständiger Stelle verlautbart wurde, war eine Äußerung zum Lobe der Steuererhöhungen, weil sie,– angeblich, was aber noch nicht einmal ihre Tendenz, geschweige denn ihre Wirkung ist – dazu verhelfen könnten, den Geldüberhang zu beschneiden. Und das Bedenklichste an diesen Darlegungen war, daß ihr Verfasser offenbar selber von ihrer Richtigkeit überzeugt zu sein schien

Übrigens ist durch die Steuererhöhungen die erstrebte Sanierung der öffentlichen Etats erreicht worden – zum mindesten in Württemberg. Auch dies-hat der Stuttgarter Finanzminister mitgeteilt. Wenn nun eine wirkliche Finanzreform kommt, bei der (so, wie es Aereboe für den Bereich der Landwirtschaft an praktischen Beispielen gezeigt hat) die Steuer als Peitsche der Produktion (und Produktivität) angesetzt wird, anstatt wie heute als Bleigewicht zu wirken: dann wird die Gesundung sogar von Dauer sein können. E. T.