Komödie von Jean Anouilh / Deutsche Uraufführung in München

Das Eigentliche ist, sehr französisch, schon geschehen, bevor der Vorhang aufgeht: achtzehn Jahre früher, durch eine Verwundung im ersten Weltkrieg, hat Gaston sein Gedächtnis verloren. Jetzt wird der Mann, dem weder Name noch Herkunft bewußt, von einer chaperonierenden Herzogin bei der ersten von fünfzig Familien eingeführt, die in ihm einen lieben Vermißten wiederzufinden hoffen. Die Renauds auf ihrem Schloß sind sogar ganz sicher, daß Gaston – Charles ist, der vermißte Sohn, Bruder, Schwager. Gaston weiß von nichts, und je mehr die Renauds seiner Erinnerung aufhelfen wollen, desto weniger möchte er davon wissen. Denn der jetzt Stille, Sanfte, Anständige muß nach allem, was zum Vorschein kommt, als Charles ein frühreifer Schürzenjäger, Tierquäler, Scheckfälscher, kurzum ein bißchen viel auf einmal gewesen sein. Soll er sich, sauber wie er sich fühlt, in ein hypothekarisch so hochbelastetes Seelengehäuse zurückstoßen lassen? In entsetzter Abwehr wird er so rabiat, daß wir anfangen anzunehmen, er könnte es wirklich gewesen sein. Die Schwägerin beweist es ihm, daß er es war. Ernstlich böse, weil sich der Wiederaufnahme verflossener Beziehungen ein sie verschmähender Moralist in den Weg stellt, tut sie es nach der Weise der Legitimationspapiere und Findlingsmärchen. Besondere Kennzeichen? Jawohl! Narbe hinterm Schulterblatt, Folge eines eigenhändig beigebrachten Hutnadelstichs. (Damals hatten die Damen noch jederzeit Hutnadeln zur Hand.)

Es gelingt aber trotzdem nicht, Gaston zu rerenaudieren. Er nimmt einfach die nächstanstehende Familie als die seine an. Es ist ein netter englischer Junge, zu dessen vermißtem Neffen er sich ernennt, nachdem er sich überzeugt hat, daß niemandem geschadet wird und den Hauptbeteiligten genützt. Es ist also ein freier Willensakt, man kann auch sagen: Schwindel, durch den er der harten Mutter, der liebesüchtigen Schwägerin, dem gutherzigen Bruder und, was die Hauptsache ist, seiner bedrohlich wieder heraufkriechenden Vergangenheit entflieht.

So endete, was prädestiniert begann, mit einer Überwindung des Vorbestimmten? Das ist die Frage. Denn: Kann einer seiner Vergangenheit entfliehen? Anouilh kommt durch die Gedächtnislosigkeit seines Helden selbst in eine Klemme. Gaston, gar nichts wissend, weiß auch nichts von einer Umkehr, die sich in ihm vom Bösen zum Guten vollzogen haben müßte. Anderseits trauen wir nicht ohne weiteres dem Autor zu, daß er an Schüsse glaubt, die das Böse herausschießen, an Granatsplitter, die, ohne jede willentliche Anpassung des Getroffenen, "Anständigkeit" auslösen. Sonst wäre ja ein operativer Bellizismus Pazifismus par excellence! Man fragt sich also, warum Anouilh nicht wenigstens indirekt merken lasse, daß er sittliche Grundsätze nicht bloß als Folge biologischer Eingriffe ansieht, sie damit in ihrem Eigentlichsten annullierend.

Aber vielleicht meint er es wirklich "medizinisch", wenn auch von einer andern Seite. Dann wäre Gastons Flucht etwa die Ablehnung psychoanalytischer Heilung durch einen Patienten mit schwerem Trauma. Freilich wäre dann Gastons Gedächtnislosigkeit auch (unbewußter) Schwindel, nämlich Verdrängung gewesen, und wir müßten sehr um den nur scheinbar sich selbst Entwischten und seine künftige Wahlfamilie bangen.

Anouilh, den das vielleicht erst in einem späteren Stück kümmert, spielte mit all diesen Dingen auf die amüsante, ironisch-schillernde Weise des französischen Gesellschaftsstückes und hatte damit in der sorgfältigen Uraufführung (Münchener Volkstheater) unter Holsboer einen entschiedenen Erfolg, dessen Hauptanteil Anton Reimer (Gaston) und Otto Brüggemann (Georges Renaud) verbuchten. Es gibt eben eine Liebenswürdigkeit, die selbst das Entzaubern zu einer Art Zauberkunststück macht, das hat diese – über ihrer ungelösten Frage – stets interessante Komödie bewiesen. Hanns Braun