Von W. A. Meseke

Als der britische Finanzminister Sir John Anderson im Juni 1944 anläßlich einer Anfrage im Unterhaus erklärte, die englischen Auslandsanlagen seien im Zuge der Kriegsinanzierung praktisch erschöpft, horchte die Welt auf. Natürlich war es seit langem kein Geheimnis mehr, daß die englische Führung in starkem Maße im den Reservefonds der Auslandsinvestitionen zurückgegriffen hatte; schon verhältnismäßig kurze Zeit nach Kriegsausbruch waren bestimmte Gruppen von Auslandswerten zur Abgabe aufgerufen, waren bekannte englische Industrieanlagen in den USA veräußert worden. Und dennoch wirkte die öffentliche Bekanntgabe des Ausverkaufs wie ein Fanal: sie bezeichnete gleichsam das Ende einer Wirtschaftsepoche.

Der Krieg hat diese Entwicklung zwar erheblich beschleunigt, aber nicht eigentlich verursacht. Bereits seit Jahren waren die Erträge der britischen Auslandsinvestitionen rückläufig, ging auch die englische Ausfuhr stark zurück. Besonders der Export von Baumwollfertigwaren nach Indien fiel infolge der japanischen Konkurrenz scharf ab. Dem stand seit Beginn der Aufrüstung eine erhebliche Steigerung der Einfuhr nach Mengen und Preisen gegenüber. Da auch die andern traditionellen Aktivposten, die Einnahmen aus dem Schiffsverkehr und dem Versicherungsgeschäft, durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, wuchs die Verschuldung an das Ausland rapide. Als die Einführung des Leih-und-Pacht-Verkehrs eine Erleichterung brachte, waren die Reserven im Zeichen des Cashand-carry-Systems bereits stark angegriffen. Die blockierten Empire-Guthaben in London werden amerikanischerseits auf den Gegenwert von 1.5 Mrd. Dollar geschätzt. Davon entfällt mehr als ein Viertel allein auf Indien.

Auf der andern Seite des Atlantiks verlief die Entwicklung entgegengesetzt. Hatten sich die USA bereits im ersten Weltkrieg aus einem Schuldnerland zum größten Weltgläubiger entwickeln können – auch dieser Prozeß wurde durch den Krieg übrigens nur beschleunigt, nicht aber bedingt! –, so gewannen sie im zweiten durch das Ausscheiden Englands geradezu das finanzielle Weltmonopol. Die stark expansive amerikanische Industrie richtete zudem ihre Aufmerksamkeit in steigendem Maße auf die noch unentwickelten Räume der Erde, wie Indien und besonders China, mit der Absicht, sie nach Kriegsende im Wege der Direktinvestition zu erschließen. In dem unlängst erfolgten Abschluß des anglo-amerikanischen Kreditvertrages aber tritt der Rollentausch der angelsächsischen Mächte am sichtbarsten in Erscheinung. Großbritannien, der ehemalige Hauptgläubiger der Welt, verschuldet sich mit einem Betrag gegenüber den USA, wie ihn die Geschichte der Auslandsanleihen bisher noch nicht zu verzeichnen hatte. Von der Anleihesumme von 4,4 Mrd. Dollar sind 650 Millionen für Pacht-Leih-Rückzahlungen bestimmt, so daß 3,75 Mrd. zur freien Verfügung bleiben. Zum Vergleich sei angeführt, daß die gesamten indirekten Auslandsanlagen der USA 1937 nominell 4,2 Mrd. Dollar betrugen, während sich die gesamte Einfuhr im Hochkonjunkturjahr 1929 auf 4,4 Mrd., im Krisenjahr 1932 auf nur 1,2 Mrd. belief. Angesichts dieser Größenordnungen ist es kein Wunder, daß sich auf beiden Seiten, besonders aber im Gläubigerland, heftige Kritik erhob, die den Abschluß des Vertrages jedoch nicht zu verhindern vermöchte.

Lassen schön diese wenigen Zahlen das Gewicht der angelsächsischen Kredittransaktion erkennen, so wird doch ihre volle Bedeutung erst klar, wenn man sich die grundlegenden Unterschiede zwischen der englischen und der amerikanischen Wirtschaftsstruktur vor Augen hält. Großbritannien ist nicht nur der wichtigste Exporteur und Frachtführer der Welt gewesen, es stand auch als Einfuhrland an erster Stelle. Die Bedienung seiner Auslandsanlagen konnte unschwer vonstatten gehen, da London bereit und darauf angewiesen war, die fälligen Beträge in Warenform hereinzunehmen. Der Rückfluß der Erträge war um so leichter möglich, als ein Großteil der Ausleihungen und Anlagen auf die weltmarktorientierten Rohstoff- und Lebensmittelerzeuger entfiel, deren Produkte auf dem kaufkräftigen englischen Markt ständig mit sicherem Absatz rechnen konnten.

Demgegenüber ist das Außenhandelsinteresse der Vereinigten Staaten in erster Linie auf den Export gerichtet. Die importfeindliche Haltung der USA, auch da, wo es sich um den Schuldendienst der eigenen Anlagen handelte, hat viel zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft beigetragen. Trat früher aber die Ausfuhr hinter den Binnenhandelsumsätzen an Bedeutung weit zurück, so ist sie infolge der neueren Entwicklung geradezu zur Lebensfrage geworden. Die "industrielle Reservearmee" von mehreren Millionen Arbeitslosen ermöglichte, verbunden mit den reichen Rohstoffreserven der USA, eine gigantische Aufrüstung ohne wesentliche Beschränkung des zivilen Konsums. Die Vollbeschäftigung wurde damit erstmalig seit der großen Krise erreicht. Soll aber, was im Kriege, im Dienste der Zerstörung also, möglich war; nicht auch im Rahmen friedensmäßiger Produktion erreicht werden können? Oder soll das Millionenheer der Arbeitslosen, das zur Aufrüstung gut genug war, im Frieden wieder seinem Schicksal überlassen werden? Diese Frage stellen, heißt sie beantworten. Die Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung ist für die USA eine Lebensfrage. Sie kann aber nur erreicht werden, wenn – und darüber sind sich jetzt alle Fachleute einig! – für die auf Friedensbedarf umgestellte gewaltige Mehrproduktion – ein gesicherter Absatz außerhalb des heimischen Marktes gefunden wird. Vollbeschäftigung und Kapital- und Warenexport sind also untrennbar miteinander verknüpft. Die Schätzungen über die jährlich mögliche Kapitalausfuhr liegen zwischen drei und zehn Milliarden Dollar. Es ist von untergeordneter Bedeutung, wo nun der genaue Betrag liegen mag, entscheidend ist, daß die USA gezwungen sind, jährlich große Kapitalbeträge (und besonders diese interessieren in diesem Zusammenhang!) zu exportieren. Fraglich dagegen bleibt, ob sie willens und in der Lage sind, die späteren Zins- und Ertragszahlungen in Waren- oder Leistungsform hereinzunehmen, denn zum Unterschied von England sind die USA nicht nur ein Industrieland, sondern auch ein Agrar- und Rohstofferzeuger größten Maßes.

Zu dieser Ablösung des bisherigen Gläubigers Nr. 1 durch einen anderen mit völlig verschiedener Außenhandelsstruktur kommt der Wandel der weltwirtschaftlichen Umwelt erschwerend hinzu. Zwar war das System des internationalen Kapitalverkehrs auch unter günstigeren Voraussetzungen weit davon entfernt, reibungslos und zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten zu funktionieren. Schon immer wurde von beiden Seiten nachdrücklich auf die Schattenseiten hingewiesen. Die Gläubiger sahen oft in den Auslandsanlagen das Grab ihrer Ersparnisse, die Schuldner fürchteten Überfremdung und Schuldknechtschaft. Abwehr- und Lenkungsmaßnahmen aller Art waren die Folge. Besondere Angriffsflächen bot die oft mißbräuchliche Anleiheverwendung sowie der Einsatz zu politischen Zwecken. Das viel gebrauchte Wort von der "Dollardiplomatie" gehört hierher. Dem standen jedoch auf der Aktivseite fraglos auch große Vorteile für beide Seiten gegenüber. Die Industrialisierung mancher Länder hätte ohne die Mithilfe des Auslandes wohl ebenso viele Jahrzehnte gebraucht, wie nun Jahre nötig wurden. Alles in allem darf daher festgestellt werden, daß bis zum ersten Weltkrieg die ausländische Kapitalanlage erfolgreich war, eben weil damals die weltwirtschaftlichen Voraussetzungen in Form einer verhältnismäßig freien Weltwirtschaft gegeben waren.