Von Ernst Schnabel

I.

Ich erinnere mich, daß mir der Mann in Pensacola seinerzeit auch von Ellis Island erzählte.

Wir waren damals, so sagte er, ungefähr vierhundert, die wir zugleich Ellis Island betraten. Sie wissen, daß das die kleine Insel vor Neuyork ist, auf der die Einwanderungsbehörden sitzen. Vierhundert, das ist eine hübsche Menge, wenn Sie die so auf einmal beieinander sehen. Alle vom selben Schiff. Jetzt sahen wir erst, wie viele wir gewesen waren, die wir da im Zwischendeck beieinandergesessen hatten.

Das war nun also Amerika. Es war März. Es regnete, und ehe wir alle in dem großen Schuppen unter Dach gekommen waren, waren wir bis auf die Haut durchnäßt. Wir hatten eine stürmische Überfahrt gehabt, und manche von uns waren vom ersten bis zum letzten Tag seekrank gewesen und konnten sich vor Schwäche und Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. So hockten wir uns denn in der Dämmerung in der Mitte des großen Raums eng zueinander. Männer, Frauen, kleine Kinder, heute scheint mir, als wären besonders viele kleine Kinder damals unter uns gewesen, wir hockten also beisammen, als wenn wir uns aneinander wärmen wollten, und dann kam die Nacht. Nein, wissen Sie, diese erste Nacht damals in Amerika war eine schlimme Nacht. Kalt, düster, wir waren naß bis auf die Haut und froren und waren sehr hoffnungslos...

An diesen Mann in Pensacola mußte ich denken, als ich in diesem Winter im Wartesaal eines Bahnhofs übernachtete. Wir waren nicht vierhundert, sondern zweihundert vielleicht, aber mehr faßte der Raum auch nicht. Als ich eintrat, war er schon voll. Tische und Stühle waren bis auf wenige entfernt, die Menschen lagen und hockten dicht an dicht über den ganzen Fußboden hin, und für mich war kein Platz mehr. Nur die Fensterbretter waren schwächer besetzt, und so schlug ich mich denn zu ihnen durch. Ich mußte sehr vorsichtig dabei vorgehen, denn wohin ich auch meinen Fuß setzten wollte, überall lagen schlafende Menschen, die Arme von sich gestreckt und wie zu einer großen Matte von Leibern ineinander verflochten.

Auf dem Fensterbrett saß ich dann neben einem Soldaten und einer Schwester vom Roten Kreuz. Der Soldat war blind, aber noch nicht lange, er kam gerade aus einem Lazarett und fuhr in ein Asyl für Blinde. Die Schwester begleitete ihn.