Im April 1946 waren rund acht Millionen Wehrmachtangehörige der USA wieder in die Heimat zurückgekehrt und aus dem Dienst entlassen. Jedem von ihnen war ein Arbeitsplatz versprochen worden; die gesamte Kriegsproduktion war jedoch gedrosselt und die Friedenswirtschaft noch nicht zustande, um so viel neue Kräfte aufzunehmen. Die amerikanische Öffentlichkeit erinnerte sich des "Marsches der Veteranen" zum Weißen Haus nach dem ersten Weltkrieg und beugte vor. Die Regierung schuf eine Verwaltungsstelle für Veteranenangelegenheiten und machte zu ihrem Leiter einen der beliebtesten und erfahrensten Offiziere des europäischen Kriegsschauplatzes, General Omar N. Bradley. Der sammelte schlechte Erfahrungen mit der Privatwirtschaft in der Heimat und ihrer Bereitschaft, den Rückkehrern zu helfen. Eine große Propagandaaktion wurde gestartet, in der man aber nicht nur die Leute, die zu Hause geblieben waren, eindringlich bat, den außerordentlich empfindlichen Wirtschaftsorganismus nicht zu stören, sondern, wobei man auch den Veteranen zu bedenken gab, ihre Ansprüche nicht zu hoch zu schrauben. Seitdem sind alle amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften voll von Artikeln zu diesem Thema, das in sentimentaler oder nüchterner Form abgewandelt wird.

Da sieht man auf einem Photo ein sanftes Jungengesicht hinter einem Gefängnisgitter: ein ehemaliger G 1 (Government Issue), ein Opfer seiner Zeit und des Waffenhandwerks. Zu früh haben ihm die Verhältnisse ein Mordinstrument in die Hand gegeben, er hat – töten gelernt, und jetzt – nachdem er entlassen wurde – hat er von seiner Kenntnis Gebrauch gemacht. Die Unterschrift zu diesem Bild ist ein Appell an die moralische Verantwortung der Allgemeinheit.

General Bradley selber sieht die Sache realer. Er beschreibt die Stimmung in der amerikanischen Heimat so: "Kaum sechs Monate nach dem Tag des Sieges fingen wir schon an zu vergessen, was unsere Männer durchgemacht haben. Als die ersten zehn Männer nach Hause zurückkamen, hieß es noch: "Heil den siegreichen Eroberern", bei den nächsten fünfzig hieß es dann: "Nett, daß ihr wieder da seid", und bei den folgenden zweihundert sagte man: "Ekelhaft, dieses Gesindel von Veteranen wächst sich allmählich zu einer Plage aus." Das erscheint nicht nur lieblos, sondern ist auch unverantwortlich und der General folgert daraus, daß der Krieg so lange nicht zu Ende ist, solange nicht jeder Veteran wieder Arbeit und eine bürgerliche Existenz hat. Die "Aktion Heimat" muß gewonnen werden, und es bedarf dazu der Mithilfe aller. "Der Soldat, der die Wirklichkeit des Krieges erlebt hat, kann sie nicht so schnell vergessen, auch wenn er es will. Aber der Mann zu Hause, der nur vom Kriege gelesen hat, vergißt schneller. Er kann sich nur sehr schwer eine Vorstellung von dem machen, was der Soldat durchgemacht hat. Darum läßt der Jubel so schnell nach." Aber jeder der alten Soldaten hat mit Sehnsucht auf diesen Augenblick der Heimkehr gewartet, es ist ein Wendepunkt in seinem Leben.

Die amerikanische Regierung hat zwar ein besonderes Gesetz für die ehemaligen G I erlassen, als dessen wichtigster Punkt das Recht auf Arbeit genannt wird. Aber die Dienstwege in den Vereinigten Staaten sind genau so holprig wie in anderen Ländern. Es fehlt den örtlichen Dienststellen an Freundlichkeit und Elastizität, an Voraussicht und gutem Willen, und in allen Zuschriften der verärgerten Veteranen wird immer wieder davon erzählt, wie man sie von einem Büro ins andere schickt. Und dabei hat es doch, nie in der Geschichte der USA – wie General Bradley meint – einen derartig großen Bestand an unternehmungslustiger und begabter Jugend gegeben, wie gerade jetzt, nachdem sich die Soldaten den Wind anderer Erdteile haben um die Nase wehen lassen. Die Heimat hat also eine Chance besonderer Art, und es ist nicht damit getan, daß der biedere Steuerzahler erklärt, er habe seinen Beitrag zur Lösung des Veteranenproblems geleistet, wenn er sein Scherflein pflichtgemäß entrichtet habe.

Schon gibt es die "Nationale Vereinigung der Veteranen des zweiten Weltkrieges" unter Leitung von Gerald L. K. Smith, die "St. Sebastians Brigade" des Radiopriesters Coughlin, den "Wiederaufbauplan ehemaliger Soldaten" von Joe McWilliams und Edward James Smythe an der Spitze der "Protestantischen Kriegsveteranen". Das sind nicht Kriegervereine zur Pflege der alten Kameradschaft, sondern Massenorganisationen in der Hand von "Führern", die genau wissen, daß in den nächsten Jahren der Kampf um die Herzen und Stimmen der alten Soldaten entbrennen wird. Heftige Kritik an der Regierung ist laut geworden. "Man hat euch wieder wie dumme Jungen behandelt", sagen die, die keine Almosen wollen, sondern die Möglichkeit, ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten. Allenthalben wird bedauert, daß die Männer auf dem "Kapitel" in Washington seit 1920 nicht das mindeste dazugelernt haben, wenn sie jetzt glauben, sie könnten die entlassenen Soldaten mit einer Monatsrente Von 200 oder 300 Dollar abspeisen. Im übrigen--ist es ja zum Teil ihr eigenes Geld, was sie bekommen, denn sie haben von ihrem Wehrsold während des Krieges genau, so Einkommensteuern bezahlen müssen wie die Zivilisten auch. Als ebenso, ungenügend werden die sogenannten Garantien für den Arbeitsplatz empfunden, denn nur ein Fünftel aller Entlassenen will wieder in dem Beruf arbeiten, den er vor dem Kriege hatte. Die anderen haben neue Pläne und vielleicht auch neue Fähigkeiten in sich entdeckt. – Die finanzielle Unterstützung der Invaliden und Hinterbliebenen fällt nicht sonderlich ins Gewicht, weil die Zahl der Nutznießer verhältnismäßig gering ist. Eigenartigerweise haben es die Schüler am besten, die jetzt nach ihrer Dienstzeit ihre Ausbildung fortsetzen wollen. Ihnen wird das Studium bezahlt. Aber nicht jeder alte Soldat will sich wieder auf die Schulbank setzen.

Viele verantwortungsbewußte Männer in den USA verweisen auf die beiden wichtigsten Punkte des Baruch-PIanes vom September 1945: 1. keine Ausnahmen für die Veteranen, und 2. ein Programm für entlassene Soldaten soll keine Sache der Wohltätigkeit sein. Darin mag eine gewisse Härte liegen, wenn zunächst die Leistungen der Soldaten, die ihre Haut zu Markte trugen, nicht höher bewertet werden als die der zu Hause gebliebenen. Aber man will auch nicht den Gedanken des Leistungswettbewerbs aufgeben zugunsten der Arbeitsscheuen. Ein gewisser Ausgleich soll in dem neuen Programm durch Löschung aller öffentlichen Schulden geschaffen werden. Für die Übergangszeit soll ein Existenzminimum mit einer bestimmten Prämie für den Dienst beim Militär gesichtert bleiben: zehn Dollar für jeden Monat Heimatdienst und zwanzig für jeden Monat im Ausland, jedoch nicht mehr als 750 Dollar im ganzen. Für die Dauer der sogenannten "Veteranen-Zeit" wird aus öffentlichen Mitteln ein monatlicher Zuschuß von 100 Dollar gewährt und zwanzig Dollar für jeden Angehörigen, die als Überbrückungsgeld, aber nicht als Arbeitslosenunterstützung zu betrachten sind. Alle Vergünstigungen sind zunächst für ein Jahr berechnet. Dann muß sich der Veteran wenigstens für einen Beruf entschieden haben und auf eigenen Füßen stehen. Die Befürworter dieses Planes glauben, daß die Kosten, die für die Allgemeinheit entstehen, nicht nur gering sind, sondern sich auch bezahlt machen durch die sichere Aufnahme von zehn Millionen arbeitswilliger und arbeitsuchenden demobilisierter Männer und Frauen, in die sich eben umstellende Produktion.

Hans Zielinski